Bastian Schweinsteiger, Weltmeister von 2014, hat sich in einem ausführlichen Gespräch zur bevorstehenden Weltmeisterschaft geäußert. Der 41-Jährige, der als Experte für die ARD arbeiten wird, analysiert den deutschen Kader, die Rolle von Führungsspielern und die Arbeit von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Der Kader: Eine spannende Mischung
Schweinsteiger zeigt sich angetan von der Kaderzusammenstellung: „Ich finde, der Kader ist spannend zusammengestellt. Man merkt, dass der Bundestrainer auf eine Mischung aus Dynamik, Technik und internationaler Erfahrung setzt.“ Spieler wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz könnten mit ihrer Kreativität Spiele entscheiden, während erfahrene Kräfte wie Joshua Kimmich oder Antonio Rüdiger Stabilität verleihen. Offensiv sei Deutschland extrem stark, doch die Balance nach hinten und die Ruhe in engen Spielen werden entscheidend sein. „Diese Mischung sehe ich im aktuellen Kader auf jeden Fall“, so Schweinsteiger.
Die Rückkehr von Manuel Neuer
Die Rückkehr von Torhüter Manuel Neuer bewertet der Ex-Nationalspieler positiv: „Ich war immer der Meinung, dass Manu ins Tor muss, da haben mich viele fragend angeschaut, jetzt ist es so gekommen und der Beste steht im Tor.“ Dennoch habe er Mitgefühl mit Oliver Baumann, der sich nichts vorzuwerfen habe. „Er muss sich jetzt motiviert halten – beim Pokalfinale hat man gesehen, wie schnell es auch wieder anders laufen kann.“
WM-Sieg 2014: Qualität und Timing
Auf die Frage, ob der WM-Titel 2014 eher eine Frage der Qualität oder der Mentalität war, antwortet Schweinsteiger: „Sowohl als auch. Aber ich glaube, dass es auch eine Frage des Timings war. Wir waren bei der WM 2006 und der WM 2010 schon nah dran – und bei den EM-Turnieren dazwischen. Es war dann einfach unser Moment. Wir waren 2014 eine Top-Mannschaft.“
Mentale Herausforderungen bei Turnieren
Schweinsteiger betont die mentalen Härten eines WM-Turniers: „Manchmal spielst du bei so einem Turnier gegen Nationen, die du nicht so gut kennst. Nehmen wir von damals mal Algerien. Wir waren natürlich gut vorbereitet, aber wir wussten trotzdem nicht ganz genau, was uns erwartete. Und in so einer Situation fühlst du dich nicht so sicher.“ Er warnt vor Unterschätzung und verweist auf jüngste Beispiele wie das Testspiel gegen Ghana, bei dem Deutschland nach einer Führung noch ein Gegentor kassierte.
Führungsspieler: Eine Frage des Vorbilds
Schweinsteiger sieht ausreichend Führungsspieler in der aktuellen Mannschaft: „Joshua Kimmich zum Beispiel. Ich zähle auch Nico Schlotterbeck dazu – oder Aleksandar Pavlović, der beim FC Bayern schon eine ganz wichtige Säule ist. Auch Jonathan Tah würde ich nennen.“ Er betont die Bedeutung von Vorbildern: „Am Ende des Tages ist es für jeden Fußballer immer auch die Frage, was dir vorgelebt wird. Ich für meinen Teil hatte Spieler um mich herum, von denen ich mir einiges abschauen und aneignen konnte.“
Julian Nagelsmann: Hunger auf Erfolg
Zum Bundestrainer sagt Schweinsteiger: „Er hat auf jeden Fall diesen Hunger auf Erfolg in sich. Das spürt man total – und das finde ich sehr gut.“ Allerdings könne Nagelsmann manchmal gelassener mit Situationen umgehen, wie er bereits bei der Undav-Geschichte gezeigt habe. „Insgesamt gefällt mir sein Stil, das meine ich auch bezüglich der klaren Rollenverteilung innerhalb der Mannschaft. Julian Nagelsmann hat es 2024 geschafft, die Nationalmannschaft wieder zu einer Mannschaft zu formen.“
Vergleich mit Vincent Kompany
Im Gegensatz zu Nagelsmann wird Vincent Kompany für seine Ruhe und Sachlichkeit gelobt. „Was ihn auszeichnet, ist, dass er nichts Besonderes machen will. Er ist ruhig, er ist sachlich, er ist gelassen – und es scheint, als hätte er nie schlechte Laune.“ Beim FC Bayern spreche man mit einer Zunge, und Kompany müsse nur noch moderieren.
Was Deutschland von Bayern lernen kann
Schweinsteiger sieht die Kompaktheit über 90 Minuten als Schlüssel: „Die Nationalmannschaft hat manchmal immer noch so zehn bis 15 Minuten in ihrem Spiel, in denen sie sich ein wenig auseinanderziehen lässt und dadurch nicht mehr so wachsam ist. Das passiert eigentlich bei den Bayern so gut wie gar nicht.“
WM-Experten: Fünf Weltmeister von 2014
Mit Thomas Müller, Mats Hummels, Per Mertesacker, Christoph Kramer und Schweinsteiger werden fünf Weltmeister von 2014 als Experten bei der WM im Einsatz sein. Schweinsteiger freut sich auf das Turnier: „Ich möchte versuchen, dem Zuschauer das gut rüberzubringen, ohne es kompliziert zu machen und ohne irgendwelche Sprüche zu klopfen. Wenn der Zuschauer dann trotzdem mal lacht, ist das auch nicht schlecht.“



