Matthäus erinnert an WM 1994 und mahnt zur Disziplin
Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler Deutschlands, hat in einem Interview mit WELT TV die deutsche Nationalmannschaft vor der anstehenden Weltmeisterschaft in den USA unter die Lupe genommen. Er zog Parallelen zur WM 1994, als der Titelverteidiger im Viertelfinale gegen Bulgarien ausschied. Damals hätten Eifersüchteleien, Streitereien und mangelnder Fokus das Team belastet. Spielerfrauen hätten sich wichtiger genommen als den sportlichen Erfolg, und die Yellow Press habe mehr über Nebensächlichkeiten berichtet als über Fußball. Bundestrainer Berti Vogts habe nicht eingegriffen, sodass Undiszipliniertheiten wie Golfen vor dem Training überhandnahmen. Matthäus betonte, dass Erfolg ohne klare Regeln und Zusammenhalt unmöglich sei, selbst mit Weltklassespielern.
Lob für Nagelsmanns Regelung zu Familienbesuchen
Matthäus begrüßte die Entscheidung von Bundestrainer Julian Nagelsmann, dass Frauen und Familien der Spieler jeweils am Tag nach den Spielen ins Mannschaftsquartier kommen und dort übernachten dürfen. Dies sei wichtig für die Moral, müsse aber klar geregelt sein. Er betonte, dass die Spieler das Vertrauen des Trainers spüren müssten, sowohl auf dem Platz als auch in der Freizeit. Matthäus zeigte sich überzeugt, dass die aktuellen Nationalspieler gewissenhaft und ehrgeizig genug seien, um selbst für den nötigen Fokus zu sorgen.
Führungsspieler und potenzielle Konflikte
Matthäus hob Joshua Kimmich als klaren Kapitän hervor, auch wenn Manuel Neuer aufgrund seiner Erfolge und langjährigen Top-Leistungen eine natürliche Autorität besitze. Beide seien für Nagelsmann die Hauptansprechpartner. Weitere Führungsspieler seien David Raum, Kai Havertz, Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah, Nick Woltemade und Leon Goretzka. Allerdings müsse man auch Antonio Rüdiger im Auge behalten, der in der Vergangenheit mehrfach durch unüberlegte Aktionen Schlagzeilen produziert habe. Matthäus forderte: „Er muss sich bei der WM absolut im Griff haben.“
Kritik an der Torhüter-Situation
Überrascht zeigte sich Matthäus über die Nominierung von Alexander Nübel als dritten Torhüter. Der dritte Torwart solle eigentlich für Harmonie sorgen, doch zwischen Neuer und Nübel bestehe eine bekannte Rivalität, die bereits nach dem DFB-Pokalfinale sichtbar gewesen sei. Nagelsmann wisse, dass die beiden keine Doppelzimmer teilen sollten. Dieses Problem werde die Mannschaft begleiten, und alle müssten darauf achten, dass es nicht eskaliert. Matthäus forderte von jedem Spieler, persönliche Befindlichkeiten hintanzustellen und sich hundertprozentig in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Nicht spielende Spieler müssten ihre Konkurrenten unterstützen, anstatt beleidigt zu sein.
Erwartungen an den WM-Start
Für den letzten Test gegen die USA am Samstag in Chicago erwartete Matthäus die Startelf, die auch im ersten WM-Spiel gegen Curaçao am 14. Juni in Houston auflaufen werde. Er wünschte sich, dass Manuel Neuer rechtzeitig fit werde, um unnötige Diskussionen zu vermeiden. Gegen den krassen Außenseiter Curaçao müsse die erste Elf spielen, um sich für die schwereren Aufgaben einzuspielen. Ein klarer Sieg sei ein Muss, denn nichts anderes als ein deutlicher Erfolg wäre akzeptabel. Matthäus erinnerte an die Auftaktniederlagen der letzten beiden Weltmeisterschaften gegen Mexiko und Japan und hoffte auf ein Ergebnis wie das 8:0 gegen Saudi-Arabien 2002, das den Weg ins Finale ebnete. Ein überzeugender Sieg könne die Fans emotional mitnehmen und dem Team enormen Schub geben, ähnlich wie das 4:1 gegen Jugoslawien 1990.



