Für den Boulevard ist es eine echte Katastrophe, aber auch für viele andere. Die Website der „Bild“-Zeitung zeigte am Samstagfrüh an prominenter Stelle in Schwarz-Weiß einen am Boden liegenden Spieler mit ausgebreiteten Armen. Darunter das Zitat: „Es tut unbeschreiblich weh.“ Selbst die eher zurückhaltende „Süddeutsche Zeitung“ titelte ganz oben: „Der traurige Freitag von Chicago“.
Dafür, dass sich „nur“ ein Fußballspieler verletzt hat, wirkt das auf jene, die sich nicht so sehr für den Sport interessieren, übertrieben. Für andere nicht. Was passiert ist: Nationalspieler Lennart Karl hat sich am Freitag im Training einen Muskelbündelriss zugezogen. Er wird bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada nicht spielen können. Für Karl wird Assan Ouédraogo von RB Leipzig nachnominiert.
Karls außergewöhnliches Talent
Karl ist 18 Jahre alt und neben Florian Wirtz der aufregendste Spieler Deutschlands. Seine Dribblings, seine Finten, seine Geschwindigkeit und vor allem seine Unbekümmertheit rauben den Fußballfans den Atem. Für seine Mannschaft kann Karl der Spieler sein, der den Unterschied ausmacht, besonders in Situationen, in denen das Spiel festgefahren ist und kaum noch etwas zu gehen scheint. In den vergangenen Wochen hatte sich der Eindruck verfestigt, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann dem Spieler des FC Bayern bei der Weltmeisterschaft viel Spielzeit geben würde.
Nagelsmann muss nun auf Sané setzen
Nun muss Nagelsmann umplanen – und wohl auf einen Spieler setzen, den Fußball-Deutschland in den vergangenen Jahren nicht gerade lieben gelernt hat, der aber sowohl in der Mannschaft als auch beim Bundestrainer offenbar ein hohes Standing besitzt: Leroy Sané, Karls Vorgänger beim FC Bayern. Inzwischen spielt Sané bei Galatasaray Istanbul, und in den vergangenen Monaten konnte man den Eindruck gewinnen, als gehe es mit seiner sportlichen Karriere kontinuierlich bergab.
Selbst als das noch nicht der Fall war und sich Sané auf Klubebene in seiner Blütezeit befand, war die Verbindung zwischen ihm und der Nationalmannschaft unglücklich. Sanés Leistungen waren durchwachsen, nach außen wirkte er oft bocklos, mitunter arrogant. Er verkörperte das Gegenteil von Karl, dem jungen Mann, der eine unglaubliche Energie und Lust verströmt. Von ihren Fähigkeiten her ähneln sich die Spieler durchaus. Sané ist trotz seiner 30 Jahre immer noch einer der Schnellsten. Und auch er kann an guten Tagen ein Spiel allein entscheiden.
Deutsches WM-Pech wiederholt sich
Auch ohne schwarz-rot-goldene Brille lässt sich konstatieren: Die Deutschen haben immer wieder großes Pech unmittelbar vor Fußball-Weltmeisterschaften. 2006 verletzte sich Sebastian Deisler, 2010 Michael Ballack und vor der WM 2014 Marco Reus – alles prägende Spieler ihrer Zeit. Nun also Lennart Karl. Er ist noch kein prägender Spieler, aber einer, bei dem man das Gefühl hatte, er könnte bei dieser WM einer werden. Bei seinem Abschied aus dem Mannschaftsquartier flossen Tränen. Und auch viele Deutschland-Fans werden traurig sein: Mit Lennart Karl verliert die deutsche Mannschaft in jedem Fall einen Spieler, der Spaß macht.



