Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bestreitet ihre Generalprobe vor der Weltmeisterschaft gegen die USA. Dabei muss Bundestrainer Julian Nagelsmann auf Manuel Neuer verzichten, während sich Jungstar Lennart Karl im Abschlusstraining verletzte. Der 18-Jährige droht nun womöglich die WM zu verpassen.
Nagelsmann zeigt sich besorgt um Karl
Im Soldier Field von Chicago verkündete Nagelsmann sachlich den weiteren Ausfall von Neuer. „Es geht ihm gut. Er ist auf dem Weg zu bester Fitness. Aber wir wollen kein Risiko eingehen“, sagte der Bundestrainer. Ganz anders reagierte er auf die Verletzung von Karl. Der junge Bayern-Profi zog sich eine Blessur im Abschlusstraining zu. „Wir fahren jetzt ins Krankenhaus“, sagte Nagelsmann sichtlich betroffen und bat um Ruhe für den Spieler. Für die WM müsse man „schauen“, deutete der Trainer eine schwerwiegendere Verletzung an. Er äußerte sogar den Gedanken an eine Nachnominierung.
Neuers Comeback weiter verzögert
Der Rekordtorwart muss weiterhin Geduld haben. Die Wadenmuskulatur heilt noch nicht vollständig. Auch gegen den WM-Gastgeber USA am Samstag (20.30 Uhr/RTL) wird Oliver Baumann im Tor stehen. Neuers Comeback ist nun fest für den WM-Auftakt am 14. Juni in Houston gegen Curaçao eingeplant, vier Wochen nach seinem letzten Einsatz für den FC Bayern. „Wir wollen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass nichts passiert“, erklärte Nagelsmann. Der 40-Jährige werde zum ersten Gruppenspiel „topfit“ sein und in der kommenden Woche im Teamquartier in Winston-Salem ins Training einsteigen.
Baumann trainierte unter grauen Wolken als Erster auf dem Rasen des Soldier Field, gefolgt von Alexander Nübel und Jonas Urbig. Neuer fehlte beim Abschlusstraining – klar, dass weiterhin Geduld gefragt ist. Er war zwar im Stadion, setzte seinen persönlichen Belastungsaufbau aber später fort. Falls Neuer noch länger ausfällt, wird die Sinnhaftigkeit seines Comebacks infrage gestellt.
Emotionale Generalprobe gegen die USA
Trotz der unerfreulichen Personalnachrichten wird die Generalprobe gegen die USA zum ultimativen Test der Emotionen. Im ausverkauften Soldier Field will Nagelsmann den Turnierernstfall simulieren und stellt dafür den fußballspezifischen Feinschliff zurück. Mit dem neunten Sieg in Serie und dem 600. Erfolg in der DFB-Geschichte soll der Zündfunke für die perfekte WM-Stimmung entfacht werden. „Da haben wir keine klare taktische Idee, die super einen der Gruppengegner widerspiegelt. Es geht einfach darum, die Emotionalität aufzusaugen und bei dem Turnier anzukommen“, sagte Nagelsmann, der als Bundestrainer noch nie neunmal in Serie ungeschlagen blieb.
Der Countdown läuft unerbittlich. Fokus und Leidensbereitschaft will Nagelsmann sehen. Die frühe Anstoßzeit kurz nach der amerikanischen Mittagsstunde und eine aufgeheizte Atmosphäre durch über 60.000 erfolgshungrige Heimfans machen das Spiel auch für Kai Havertz besonders. „Und deswegen gehen wir das Spiel an wie ein WM-Spiel und wollen natürlich auch wieder Selbstvertrauen sammeln“, sagte der 26-Jährige, der nach der Erfolgssaison beim FC Arsenal in der Offensive gesetzt ist.
Siegesserie soll nicht reißen
Die WM-Brust darf ruhig noch breiter werden. „Natürlich wissen wir, dass es noch Luft nach oben gibt, dass wir uns noch verbessern müssen, weil die Gegner besser werden. Das Spiel gegen die USA wollen wir noch positiv bestreiten – und dann sind wir bereit“, versprach Kapitän Joshua Kimmich. Das Rätsel um Neuers Gesundheit bestimmte die ersten Tage in Amerika. Schöne Bilder von Spaziergängen am Lake Michigan oder Café-Besuchen im Stadtteil Gold Coast täuschten über die sportliche Anspannung hinweg. Doch für 90 Minuten auf Wettkampfniveau reicht es noch nicht. Nagelsmanns Maxime heißt Risiko-Minimierung: Die WM zählt, nicht der letzte Test.
Jugend oder Erfahrung?
Im Neuer-Hype gehen andere Personalfragen fast unter. Setzt Nagelsmann auf Jugend oder Erfahrung? Karls Blessur könnte einen Strich durch die Rechnung machen. Leroy Sané (30) hat plötzlich wieder bessere WM-Chancen. Nathaniel Brown (22) hat sich hinten links unbekümmert in die Startelf gespielt, zulasten von David Raum (28). „Wir Jungen sollen das allgemein hier ein bisschen reinbringen, einfach Unbekümmertheit, dass wir keinen Druck spüren und einfach frei aufspielen sollen. Ja, es läuft bis jetzt sehr, sehr gut“, sagte der Frankfurter Brown, der angeblich im Transfer-Flirt mit dem FC Bayern steht.
Auch im Mittelfeld muss Nagelsmann entscheiden: Felix Nmecha (25) und Aleksandar Pavlovic (22) bildeten zuletzt das Stammduo, Leon Goretzka (31) wäre außen vor. Harte Entscheidungen stehen an. „Ich glaube nicht, dass am Ende die Namen zählen, wenn es darum geht, ein Turnier zu gewinnen. Sondern vielmehr geht es um den Zusammenhalt, den Spirit in der Mannschaft. Und deswegen ist für uns alles möglich“, sagte Verteidiger Jonathan Tah.
Gastgeberrolle bekannt
Die USA seien „eine Top-Mannschaft“, warnte Havertz. Den speziellen Druck als Turnier-Gastgeber kennen viele Spieler noch von der Heim-EM 2024. Die US-Boys wollen ihren Fans etwas bieten. „Und deswegen wird es für uns ein guter Test sein, eine gute Probe fürs erste Gruppenspiel dann“, sagte Havertz. Auch ohne Neuer und Karl.



