Die zweimalige Olympiasiegerin im Hochsprung, Ulrike Nasse-Meyfarth, wird am Montag 70 Jahre alt. Zu ihrem Ehrentag hat sie in einem Interview mit der Welt am Sonntag deutliche Kritik an der westdeutschen Sportszene geübt und sich für Sportler aus der früheren DDR eingesetzt. Die Leichtathletik-Ikone, die 1972 in München und 1984 in Los Angeles Gold gewann, zeigte sich verärgert über die mangelnde Anerkennung ostdeutscher Athleten.
Scharfe Worte gegen westdeutsche Erinnerungskultur
„Ich finde es unsäglich, wie wenig Respekt ostdeutschen Olympiasiegern, Weltmeistern und sonst erfolgreichen Athleten von den Westdeutschen entgegengebracht wurde und wird“, erklärte Nasse-Meyfarth. Die auf Westdeutschland fokussierte Erinnerungskultur mache sie wütend. Sie kritisierte, dass DDR-Sportler pauschal mit Doping und Stasi-Mitgliedschaft in Verbindung gebracht würden, während das Individualdoping westdeutscher Athleten vor dem Mauerfall ignoriert werde.
Die 70-Jährige bezeichnete die „Ignoranz und Arroganz der westdeutschen Sportszene“ als eine Ursache für die mangelnden Erfolge des vereinten Deutschlands. Sie bedauerte, dass nach der Wiedervereinigung das Talentsichtungs- und Fördersystem der DDR nicht übernommen wurde: „Es war die Basis für den Erfolg, nicht das Doping. Hätte der Sport im wiedervereinigten Deutschland sich an diesem System orientiert, stünde er nicht so desolat da wie seit Jahren.“
Rückblick auf den Olympiasieg 1972
Nasse-Meyfarth erinnerte sich an ihren sensationellen Sieg bei den Olympischen Spielen 1972 in München, als sie mit 16 Jahren und 123 Tagen die jüngste Leichtathletik-Olympiasiegerin in einer Einzeldisziplin wurde. Mit einer Weltrekordhöhe von 1,92 Metern begeisterte sie fast 80.000 Zuschauer. Doch der Ruhm brachte auch Lasten mit sich: „Nichts war mehr normal“, sagte sie später. Die Erwartungshaltung und der Trubel führten zu Selbstzweifeln und Leistungsschwankungen in den folgenden Jahren.
1976 schied sie in Montreal in der Qualifikation aus, und der Boykott der Spiele 1980 in Moskau nahm ihr eine weitere Chance. Erst nach einem Trainerwechsel und einem EM-Sieg 1982 sowie WM-Silber 1983 gelang ihr 1984 in Los Angeles der erneute Olympiasieg – zwölf Jahre nach dem ersten Triumph. Sie profitierte dabei vom sowjetischen Gegen-Boykott, räumte aber ein, dass der Sieg in Los Angeles ihr mindestens genauso wichtig sei wie der in München.
Kritik an Doping-Skandalen und Ehrungen
Nasse-Meyfarth lehnte 2015 eine Ehrung durch den Weltverband IAAF ab, weil der damalige Präsident Lamine Diack in Doping-Vertuschungen verwickelt war. „Von solch einem – mit Verlaub – Dreckschwein wollte ich mich nicht ehren lassen“, erklärte sie. Nach der Stornierung der Reise nach Monaco habe sie sogar einen Drohanruf vom Generalsekretär des Verbandes erhalten. Seitdem habe es keine weiteren Anfragen mehr gegeben.
Die ehemalige Hochspringerin, die 1987 den Kölner Rechtsanwalt Roland Nasse heiratete und Mutter zweier Töchter wurde, war nach ihrer Karriere als Trainerin und Talentsichterin beim TSV Bayer 04 Leverkusen aktiv. 2011 wurde sie in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Trotz aller Erfolge betont sie, dass der Sieg in Los Angeles nach dem langen und steinigen Weg dorthin für sie eine besondere Bedeutung habe.



