Der Absturz eines deutschen Sport-Idols
In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Boxer Gustav „Bubi“ Scholz in der jungen Bundesrepublik ein gefeierter Superstar. Seine Karriere verlief glanzvoll, doch nach dem Ende seiner aktiven Zeit als Faustkämpfer stürzte er tief ab. Im Jahr 1984 musste er schließlich eine Haftstrafe antreten, nachdem er im Vollrausch seine Ehefrau Helga erschossen hatte.
Ein Idol der Wirtschaftswunder-Generation
Gustav Scholz galt als der berühmteste deutsche Boxer der Nachkriegsära. Er wurde zu einem Idol der jungen Bundesrepublik, ähnlich verehrt wie Fußballlegenden um das „Wunder von Bern“ im Jahr 1954. Seine kristallblauen Augen zierten die Titelblätter zahlreicher Illustrierten, auf gesellschaftlichen Veranstaltungen teilte er sich die Bühne mit Größen wie Harald Juhnke und Hildegard Knef. Selbst als Interpret von Schlagern wie „Sie hat nur Blue Jeans“ mehrte er seinen Ruhm.
Scholz, der heute 96 Jahre alt geworden wäre, verkörperte mit seinem Aufstieg vom Berliner Schmiedsohn zum umjubelten Sporthelden eine typische „Wir-sind-wieder-wer“-Geschichte, wie sie die Gesellschaft der Wirtschaftswunderjahre begeistert aufnahm. Doch diese märchenhafte Erzählung wandelte sich am 22. Juli 1984 in eine erschütternde Tragödie.
Die glorreichen Jahre im Boxring
Geboren am 12. April 1930 in Berlin-Prenzlauer Berg, begann Gustav Scholz nach einer abgebrochenen Mechanikerlehre und einer Kochausbildung im Jahr 1947 seine Boxkarriere. Als Rechtsausleger entwickelte er einen für seine Zeit ungewöhnlich eleganten Kampfstil, der auf Schnelligkeit und Präzision basierte. In 96 Profikämpfen siegte er 88 Mal, sechs Kämpfe endeten unentschieden – 46 seiner Siege errang er durch technischen K.o.
Trotz einer Tuberkulose-Erkrankung, die ihn zeitweise zurückwarf, avancierte er zum bekanntesten deutschen Faustkämpfer nach Max Schmeling. Er feierte sogar Erfolge in den Vereinigten Staaten, wo er 1954 im legendären Madison Square Garden in New York triumphierte.
Der verpasste WM-Titel und der Beginn des Niedergangs
Am 23. Juni 1962 erhielt Scholz im Berliner Olympiastadion die Chance, im Halbschwergewicht gegen Harald Johnson deutscher Weltmeister zu werden. Obwohl er seinen Kontrahenten nahe an einem K.o. hatte, verpasste er den entscheidenden Schlag und verlor den Kampf. Max Schmeling kommentierte diese Niederlage mit den denkwürdigen Worten: „Den Palast hat Bubi gesehen, aber eingezogen ist er nicht.“
Diese verpasste Gelegenheit ließ Scholz nie wieder los. Berichten zufolge sah er sich später immer wieder den Film dieser Niederlage an, verfluchte dabei seinen Trainer und griff dabei regelmäßig zur Flasche. Nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn fand er nie einen neuen Lebenssinn, was seinen Abstieg beschleunigte.
Alkohol und die zerstörte Ehe
Seine Ehefrau Helga, mit der er seit 1955 verheiratet war und die eine erfolgreiche Parfümerie betrieb, begann ebenfalls, immer häufiger Alkohol zu konsumieren. Aus dem einstigen Traumpaar, das in der bundesdeutschen High Society gern gesehen war, wurde ein von Zank und Streit geprägtes Paar.
Die tödliche Nacht im Grunewald
In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1984 endete das Leben von Helga Scholz in der gemeinsamen Villa im Berliner Nobelviertel Grunewald auf tragische Weise. Der volltrunkene Gustav Scholz erschoss seine Ehefrau mit einem Kleinkalibergewehr durch die Tür der Gästetoilette.
Bei seinem Prozess behauptete Scholz, der tödliche Schuss sei ein Versehen bei der Reinigung der Waffe gewesen – eine Verteidigungsstrategie, die dreißig Jahre später Oscar Pistorius in ähnlicher Form verwenden sollte. Das Gericht glaubte dieser Darstellung nicht, zeigte jedoch aufgrund der bedingten Zurechnungsfähigkeit des prominenten Angeklagten Milde: Scholz wurde zu drei Jahren Haft verurteilt, die er in Berlin-Moabit absaß.
Die letzten Jahre und der tragische Tod
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1987 war Scholz ein gebrochener Mann. Er überlebte einen Suizidversuch und heiratete 1993 erneut, doch mehrere Schlaganfälle und eine Demenzerkrankung machten ihn zum Pflegefall. Am 21. August 2000 verstarb Gustav „Bubi“ Scholz im Alter von 70 Jahren. Die Todesursache war eine Erstickung, nachdem er ein Stück Brot nicht mehr aushusten konnte.
Seine Geschichte wurde 1998 im Fernsehfilm „Die Bubi Scholz Story“ mit Benno Fürmann und Götz George in den Hauptrollen noch einmal aufgearbeitet. Scholz wurde zunächst auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt, seit 2008 ruht er auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin.



