Curaçao vor historischem WM-Auftakt gegen Deutschland
Die kleine Karibikinsel Curaçao träumt von einer großen WM-Sensation. Am Sonntag (19.00 Uhr MESZ, live in der ARD und bei MagentaTV) trifft die Mannschaft von Trainer Dick Advocaat in Houston auf die deutsche Nationalelf. Es ist das bislang kleinste Land, das je an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen hat.
Gute Laune als Erfolgsrezept
Schon vor dem Abflug in die USA herrschte ausgelassene Stimmung. In einem betagten Party-Bus wurden die Spieler bei einem Testspiel gegen Aruba über die Insel gefahren. Überall ist Musik zu hören, und das Training wurde sogar an den Strand verlegt. „Die gute Stimmung und der Teamgeist sind unsere Stärken“, betont Nationalcoach Dick Advocaat. Der 78-jährige Niederländer, sonst für seine strenge Hand bekannt, lässt sich von der Lockerheit der Karibik-Kicker anstecken. Bei der Verabschiedung in Willemstad stand er auf der Bühne, lächelte, wippte im Takt der Musik und winkte der Menge zu. In den Niederlanden sorgt dieser Anblick für Verwunderung, denn Advocaat wird normalerweise als „kleiner General“ bezeichnet.
Advocaats Erfolgsrezept: Anpassung und Überzeugung
Advocaat erkannte schnell, dass er sich den Gegebenheiten auf Curaçao anpassen muss. Seine Mischung aus kurzer und langer Leine zeigt Erfolg. Seit seinem Amtsantritt 2004 suchte er gezielt nach Spielern mit Wurzeln auf der 150.000 Einwohner zählenden Insel, die oft in den Niederlanden spielen. Viele musste er erst überzeugen. „Als ich anfing, wollte die Hälfte der Mannschaft gar nicht spielen. Sie hofften noch auf einen Platz in der niederländischen Nationalmannschaft“, erinnert sich der älteste Trainer der WM. Doch nach und nach gelang es ihm, Spieler wie den früheren Wolfsburger Riechedly Bazoer für das WM-Abenteuer zu begeistern. Kein einziger Spieler des Kaders kickt noch in der unbedeutenden heimischen Liga; alle sind in den Niederlanden, der Türkei, England oder anderen Ligen aktiv.
„The Blue Wave“ will überraschen
Das Team, das wegen seiner blauen Trikots „The Blue Wave“ genannt wird, traut sich durchaus eine Überraschung zu. Vielleicht nicht gegen Deutschland, aber gegen die weiteren Gruppengegner Ecuador und die Elfenbeinküste. „Wir wollen es jedem Gegner so schwer wie möglich machen. Und wir sind sicherlich nicht chancenlos“, sagt Advocaat. „Jeder kann überraschen. Warum nicht Curaçao? Eine Überraschung kann schon reichen, um weiterzukommen.“
Advocaats Rückkehr und besondere Momente
Für Advocaat ist es die dritte WM-Teilnahme: 1994 war er mit den Niederlanden in den USA, 2006 coachte er Südkorea in Deutschland. Eigentlich hatte er nach der Qualifikation wegen der Krankheit seiner Tochter zurücktreten wollen. Doch da es ihr wieder besser geht, kehrte er in einem undurchsichtigen Manöver zurück und löste seinen kurzzeitigen Nachfolger Fred Rutten ab. In den Niederlanden stieß das auf Kritik, auf Curaçao ist man froh, den Erfolgscoach wieder zu haben.
Im Teamquartier in Boca Raton, Florida, richtet sich nun alles auf das Duell mit der DFB-Elf. „So etwas erlebst du nur einmal im Leben“, sagt Jürgen Locadia, der in Deutschland für Hoffenheim und Bochum spielte, dem „Abendblatt“. Besonders für Torwart Eloy Room wird die Partie emotional: Sein Vorbild Manuel Neuer steht wieder im deutschen Tor. „Ich habe gehofft, dass er zurückkommt, weil er eines meiner großen Vorbilder ist“, erklärt Room. „Er hat das Torwartspiel verändert und ist in allen Bereichen gut. Das macht ihn zu einem der besten Torhüter aller Zeiten.“ Room, der für Miami FC spielt, freut sich auf das Duell: „Für uns wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn jemand anderes im Tor stünde. Aber ich freue mich sehr auf das Duell mit Manuel Neuer.“ Auf die Frage, ob er nach dem Spiel um Neuers Trikot bitten werde, antwortet der 37-Jährige lachend: „Ich denke, Neuer will mein Trikot. Nein, sein Shirt zu bekommen, wäre die Krönung.“



