Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA hat begonnen. SPIEGEL-Reporter Jörn Meyn blickt auf das deutsche Team und die Stimmung vor Ort. Er analysiert die Chancen der Mannschaft, die politische Brisanz des Turniers und die Zurückhaltung des DFB.
Das deutsche Team: Talentiert, aber mit Schwächen
Meyn zeigt sich unschlüssig über die Leistungsfähigkeit der deutschen Nationalmannschaft. „Was ich von dieser Mannschaft halten soll, das weiß ich noch nicht“, gesteht er. Das Team sei zwar sehr talentiert, vor allem in der Offensive. Mit Florian Wirtz vom FC Liverpool habe man einen der besten Offensivspieler der Welt. Allerdings gebe es auch Probleme, insbesondere in der Defensive. Spannend werde sein, wie sich der Rückkehrer Manuel Neuer mit 40 Jahren schlagen wird. „Er hatte ziemlich lange Wadenprobleme und jetzt soll er spielen“, so Meyn. Besonders interessant findet er den Spieler hinten links: Nathaniel Brown, 22 Jahre, von Eintracht Frankfurt. „Er könnte aus meiner Sicht die Entdeckung dieser WM werden“, prognostiziert der Reporter.
Stimmung vor Ort: Zurückhaltend, aber mit kleinen Highlights
Die Stimmung in den USA sei bisher eher verhalten. Zwar wehe hier und da eine deutsche Nationalflagge auf einem Hochhaus neben einer US-amerikanischen. Auch gebe es Restaurants, die Sticker verteilt haben, um den DFB willkommen zu heißen. „Aber ansonsten ist es den Amerikanern und Amerikanerinnen bisher durchaus egal“, berichtet Meyn. Eine Ausnahme war das öffentliche Training der Nationalmannschaft am vergangenen Montag, zu dem 3000 Zuschauer kamen. Besonders in Erinnerung blieb ihm ein kleiner Junge, der sehr laut und energisch immer wieder den Namen von Jamal Musiala rief.
Politische Dimension: Angst vor Trump und ICE
Die WM sei nicht nur sportlich interessant, sondern auch ultra politisch. „Es geht die Angst um vor Trumps Tiraden. Es geht die Angst um vor ICE-Einsätzen“, beschreibt Meyn die Stimmung. Der DFB halte sich bisher auffällig zurück mit Einordnung und Kritik. Das habe mehrere Gründe. „Ein Grund lautet aber auch: Man will sich selbst bewerben, nämlich für die WM 2038 oder 2042. Und wenn man sich dann als moralische Weltpolizei aufspielt, dann kommt das nicht so gut bei einem Weltverband der Fifa, der es nicht unbedingt mit der Moral sagt“, erklärt der Reporter.
Die politische Lage in den USA unter Präsident Trump sorgt für zusätzliche Anspannung. Die Angst vor Tiraden des Präsidenten und vor Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE ist allgegenwärtig. Der DFB versucht, sich aus politischen Äußerungen herauszuhalten, um sich nicht für die Bewerbung um künftige Weltmeisterschaften zu disqualifizieren.



