Das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt liegt auf über 2.200 Metern über dem Meeresspiegel – mehr als doppelt so hoch wie Englands höchster Berg Scafell Pike (978 Meter). Für die englische Nationalmannschaft bedeutet das im WM-Achtelfinale eine extreme Umstellung: Von ihrem Camp in Kansas City auf knapp 280 Metern geht es per Flieger nach Mexiko-Stadt. Die kurze Zeit bis zum Spiel am Montag (02:00 Uhr MESZ) lässt keine akklimatisierung zu.
Was bedeutet dünne Luft für den Körper?
„Ganz vereinfacht gesagt: Dünne Luft heißt niedrigerer Luftdruck als auf Meereshöhe“, erklärt Dr. Matthias Krüll, Internist und Pneumologe sowie Chefmediziner des Berlin-Marathons. Der Sauerstoffgehalt bleibt bei etwa 21 Prozent, doch der Sauerstoffpartialdruck sinkt – in 2.200 Metern Höhe um 25 Prozent. „Dadurch wird bei dünner Luft spontan deutlich weniger Sauerstoff ins Blut aufgenommen“, so Krüll zur dpa.
Der Körper passt sich an, indem er mehr rote Blutkörperchen produziert. Doch das dauert: „Leistungs- und Ausdauersportler absolvieren extra Höhentrainingslager. Die Anpassung braucht etwa zwei bis sechs Wochen“, erklärt Krüll. England bleiben nur ein bis zwei Tage.
Auswirkungen auf das Spiel
Die englischen Spieler werden früher ermüden. „Sie werden wahrscheinlich mit ihrer Laufleistung hinten dran sein, früher 'aus der Puste kommen' als in niedrigeren Höhen gewohnt“, prophezeit Krüll. Sein Rat: „Harry Kane sollte also nicht wie bisher bis zur 70. Minute warten, sondern einfach mal in der ersten Halbzeit schon seine zwei Tore machen, das wäre schon mal gut für die Engländer.“
Der englische Sportmediziner Barney Wainwright von der Leeds Beckett University rät, das Spieltempo zu drosseln, „um den Spielern Zeit zu geben, sich zwischen den Phasen hochintensiven Spiels zu erholen.“
Trainer Tuchel sieht Nachteil
Englands deutscher Trainer Thomas Tuchel sagte nach dem 2:1-Sieg gegen den Kongo: „Zwischen den Spielen liegen drei Tage, und wir können uns nicht darauf einstellen. Das wussten wir schon vorher. Es ist einfach ein Nachteil, mit dem wir zurechtkommen müssen.“
Mediziner Krüll erwartet, dass die Muskeln schneller eine Sauerstoffschuld eingehen: „Hierbei wird der Zucker als Energieträger nicht vollständig abgebaut, sondern es fallen schneller und vermehrt Abbauprodukte an, vor allem Milchsäure.“
Historische Erfahrungen im Aztekenstadion
Das letzte Länderspiel Englands im Aztekenstadion war am 22. Juni 1986 – eine 1:2-Niederlage gegen Argentinien mit Maradonas „Hand Gottes“. Ex-Profi Nigel Reo-Coker, der 2015 mit Montréal Impact im Finale der Concacaf Champions League dort spielte, sagte der BBC: „Das ist der physisch herausforderndste Ort, an dem ich jemals Fußball gespielt habe. Du kriegst keine Luft. Man muss sich sehr genau überlegen, in welchen Momenten man sich alles gibt.“



