Julian Nagelsmann war noch Bundestrainer, als sein wahrscheinlicher Nachfolger Jürgen Klopp den Kern des Problems ansprach. „Wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt richtig ran an die Nummer“, sagte der 59-Jährige nach dem deutschen WM-Aus bei MagentaTV und forderte eine klare und ehrliche Analyse. „Einfach zu sagen, das war nicht genug, wird uns nicht weiterhelfen.“
Frankreich: Vom Knysna-Fiasko zum Weltmeister
Die WM 2010 wurde für Frankreich zur Katastrophe. Über das Fiasko von Knysna gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und eine Netflix-Doku. Der als schwierig geltende Stürmer Nicolas Anelka geriet mit Trainer Raymond Domenech derartig heftig aneinander, dass er kurz darauf nach Hause geschickt wurde. Die Mannschaft streikte aus Solidarität mit Anelka, löste damit in der Heimat einen Eklat aus. Ohne Sieg flog man in der Gruppenphase raus. Les Bleus waren nur noch eine peinliche Lachnummer.
Im Juli 2012 übernahm Didier Deschamps das Amt des Nationaltrainers. Dem Weltmeister von 1998 gelang es, aus hoch veranlagten Stars wie Paul Pogba, Antoine Griezmann oder später Kylian Mbappé Spieler zu formen, die ihr Ego zurückstellen und den Erfolg der Mannschaft über alles setzen konnten. Hinzu kam ein Schatz, den Frankreich bereits hatte: Die nationale Talentschmiede von Clairefontaine, die immer wieder Ausnahmespieler hervorbrachte. Das Ergebnis: EM-Finale 2016, Weltmeister 2018, WM-Finale 2022, EM-Halbfinale 2024. Und auch bei dieser WM - der letzten von Deschamps - gilt man als Favorit.
Spanien: Ausbruch aus dem Tiki-Taka-Käfig
Eigentlich spielt Spanien auf so einem hohen Niveau, dass man sie als Krisen-Team gar nicht auf dem Zettel haben könnte. Doch seit dem Titel 2010 gelang bei Weltmeisterschaften nicht mehr viel. 2014 das Aus in der Gruppe, 2018 und 2022 jeweils im Achtelfinale. Das Problem: Tiki-Taka war entschlüsselt. Die Gegner ließen sich tief zurückfallen und die Spanier passten sich die Füße wund. Das Erfolgsrezept wurde zum Käfig.
Aus dem brach man erst vor vier Jahren mit der Beförderung von Luis de la Fuente zum Nationaltrainer endgültig aus. Der heute 65-Jährige schuf eine Art Tiki-Taka 2.0, setzte neben Ballbesitz und Passstafetten auf vertikales und schnelleres Spiel mit einem höheren Gewicht auf den Flügeln. Dort hatte de la Fuente zudem das Glück, in Lamine Yamal und Nico Williams zwei außergewöhnliche Talente im Kader zu haben. Zudem produziert La Masia, die Akademie des FC Barcelona, weiterhin verlässlich Talente. Nach dem EM-Titel 2024 sagte de la Fuente, er habe „den Geist von 2010 wiederentdeckt.“
Die Niederlande: Pragmatismus statt Voetball total
Der niederländische Nadir machte weltweit die Runde. Sowohl für die EM 2016 als auch für die WM 2018 verpasste man die Qualifikation. Zu lange hielt man an den Vize-Weltmeistern von 2010 fest, machte erst dann einen klaren Schnitt. Ronald Koeman wurde Bondscoach, brach in seiner ersten Amtszeit gleich mit dem heiligen 4-3-3-System und setzte defensiv auf eine Dreier- oder Fünferkette. Der „Voetball total“ war Geschichte, ein neuer Pragmatismus sollte zum Erfolg führen. 2019 erreichte man das Finale der Nations League und qualifizierte sich für die EM.
Die ganz große Erfolgsgeschichte ist die niederländische Neuerfindung bislang nicht. Koemans Nachfolger Frank de Boer erwies sich als Fehlbesetzung, die EM 2021 endete im Achtelfinale. Louis van Gaal übernahm kurzfristig für die WM 2022, dort war im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Argentinien Schluss. Koeman kehrte zurück, doch bei der WM scheiterte man kürzlich schon im Sechzehntelfinale. Oranje hat sich zwar von der Voetball-total-Romantik gelöst, doch es fehlt noch die Konstanz auf der Trainerposition.
England: DNA-Programm und Elfmeter-Wunder
Den wohl bemerkenswertesten Aufschwung erlebte England in der jüngeren Vergangenheit. Die Three Lions sind heutzutage selbst im Elfmeterschießen einigermaßen verlässlich. Als 2012 das nationale Fußballzentrum St. George's Park - heute ein Faktor des Erfolgs - eröffnet wurde, war Englands Team noch nicht am Tiefpunkt. Immer noch hoffte man, dass die goldene Generation um Wayne Rooney, Frank Lampard und Steven Gerrard irgendwie liefern würde. Doch nach dem Aus im EM-Achtelfinale 2016 gegen Island gelangte man zu der Einsicht, das tiefgreifendere Änderungen nötig sind.
Bereits 2014 hatte der Verband FA das Programm „England DNA“ aufgelegt, dass eine einheitliche Philosophie und Identität für alle Nachwuchs-Nationalmannschaften vorgab. 2016 wurde U21-Trainer Gareth Southgate zum Nationaltrainer befördert, was letztlich der entscheidende Schritt war. Der Ex-Profi vollzog einen Kulturwandel, setzte auf Bescheidenheit, klare Führung der Mannschaft, großes Vertrauen in junge Spieler und taktische Flexibilität. Hinzu wurde 2018 ein von Wissenschaftlern unterstütztes Projekt zur Behebung der Elfmeterschwäche aufgelegt. Die Ergebnisse: WM-Halbfinale 2018, EM-Finale 2021, WM-Viertelfinale 2022, EM-Finale 2024.



