Matthäus und Lahm: Nationalelf nicht natürlich gewachsen
Matthäus & Lahm: Nationalelf nicht natürlich gewachsen

Zwei Endspiele gegen Argentinien, zwei 1:0-Siege, zwei WM-Titel

Lothar Matthäus (65) und Philipp Lahm (42) gehören zu den erfolgreichsten Kapitänen der deutschen Fußballgeschichte. Am 8. Juli 1990 in Rom und am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro stemmten sie als Erste ihrer Mannschaft den goldenen Pokal in die Höhe. Nun trafen sich die beiden Weltmeister zu einem Generationen-Gespräch über die Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2026 unter Bundestrainer Julian Nagelsmann (38).

Kapitäns-Klub und Kindheitsträume

Matthäus äußerte sich zuversichtlich über Joshua Kimmichs Chancen, in den exklusiven Kapitäns-Klub aufgenommen zu werden: „Die Chancen sind immer da. Aber es ist nicht einfach. Ich glaube nicht, dass wir als Favorit nach Amerika fahren, sondern wir gehören zum erweiterten Kreis dazu. Es wäre mir – ich glaube uns allen – recht, wenn Joshua Kimmich zu uns dazustoßen könnte, und als Kapitän am 19. Juli den Pokal entgegennehmen würde.“ Lahm beschrieb das Gefühl, den Pokal in den Händen zu halten, als unbeschreiblich: „Ich kann es nicht in Worte fassen. Deswegen ist es schön, dass ich hier mit Lothar sitzen darf, weil, das war meine Weltmeisterschaft, als Kind vorm Fernseher mit meinem Opa. Wir haben die Spiele geschaut, die Zusammenfassungen unendlich angeschaut. Lothar hat den Pokal damals in die Höhe gereckt – und das ist mir in dem Moment durch den Kopf gegangen, als ich ihn bekommen durfte. Weil das natürlich mein Kindheitstraum war, einmal diesen Pokal in den Händen zu halten. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Ich würde sagen, die zwei Stunden nach dem Abpfiff, das ist einfach pure Freude. Unglaubliche zwei Stunden, die einfach superschön waren.“

Gemeinsame Erlebnisse als Schlüssel zum Erfolg

Matthäus betonte die Bedeutung des Zusammenhalts: „Jubel, Trubel, jeder will feiern, alle kommen zum Gratulieren. Ich glaube, da bist du nicht ganz bei Sinnen und nicht ganz kontrolliert, bei dem, was du in dieser Zeit erlebst. Mein Traum war das nie, ich konnte als Kind diesen Traum gar nicht haben. Mein Traum war, Fußballprofi zu werden, das hätte mir schon gereicht. Dann hast du aber gemerkt, es ist immer mehr und mehr drin. Und dann habe ich das Glück gehabt, in so einer Mannschaft zu spielen, die diese Chance hat, bei einer WM nicht nur dabei zu sein, sondern zu den Favoriten zu gehören. Dieser Moment, wie Philipp sagt, das ist Freude, auch Stolz. Und vor allem eine innere Genugtuung, dass du was erreicht hast, was nur ganz wenige erreichen dürfen. Du bist der Kapitän, der den Pokal für die Mannschaft, für das Land entgegennimmt. Darauf kannst du stolz sein.“ Lahm ergänzte: „Bei mir war es ja auch noch so: für mich war vorher klar, meine Zeit bei der Nationalmannschaft geht zu Ende, das wird mein letztes Länderspiel sein. Es war nochmal extremer, dass man wirklich diesen Pokal in den Händen hält und sagt: ‚Danke, das war’s für mich‘. Es mit dem Sieg, mit dem WM-Titel zu beenden, war für mich schon das Größte, was man erreichen kann.“

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Rückkehr von Manuel Neuer

Beide Weltmeister begrüßten die kurzfristige Rückkehr von Manuel Neuer. Lahm: „Manuel Neuer ist noch immer der beste deutsche Tormann, das hat man zuletzt in der Champions League gesehen. Der Rückgriff auf einen der Weltmeister von 2014 kann die Mannschaft sportlich für den Moment stabilisieren.“ Matthäus: „Ich stehe zu 100 Prozent hinter der Entscheidung. Es war klar: Wenn er zurückkommt, dann als Nummer 1. Und wenn er fit ist und so hält wie gegen Real Madrid, dann steigen unsere Chancen, bei der WM erfolgreich zu sein.“

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Spaltung in der Mannschaft und Lehren aus der Vergangenheit

Lahm kritisierte die Entwicklung der Nationalmannschaft: „Alles, was Lothar gesagt hat, stimmt. Solche Umstände helfen der Mannschaft null Komma null. Es war dann so, dass sie eher zu einer Spaltung innerhalb der Mannschaft führten.“ Matthäus ergänzte: „Ich bin sicher, dass man daraus gelernt hat. Natürlich sollte man sich interessieren. Bei einer Weltmeisterschaft sollte man aber rechtzeitig einen Punkt machen und sich dann voll auf Fußball konzentrieren.“ Auf die Frage, ob die Mannschaft natürlich gewachsen sei, antwortete Lahm: „Ich finde nicht, dass sie natürlich gewachsen ist.“ Matthäus pflichtete bei: „Die Mannschaft hat sich bis jetzt eigentlich nie richtig einspielen können. Warum probiert man noch mal und noch mal, obwohl man wusste, dass nicht mehr viele Spiele bleiben? Obwohl man eigentlich schon wusste, wer die ersten neun, zehn Spieler sind, wenn alle fit zur WM fahren? Aber positiv war ganz sicher das Ergebnis gegen die Slowakei. Da haben sie gezeigt, was wir sehen wollen: Einsatz, Leidenschaft, Defensiverhalten, Offensiv-Qualitäten. Deswegen hat man dieses Spiel 6:0 gewonnen.“

Nagelsmanns Außendarstellung und Führungsstil

Lahm betonte die Bedeutung des Vertrauens zwischen Trainer und Mannschaft: „Das Wichtigste als Spieler: Du brauchst das Vertrauen des Trainers. Er muss die Mannschaft schützen, auf Teufel komm raus. So war das bei uns, dieses Verhältnis zu Jogi Löw, dieser offene Austausch, das hat sich über Jahre aufgebaut. Manchmal muss der Trainer Impulse setzen, aber die klaren Ansagen muss man intern machen.“ Matthäus kritisierte Nagelsmanns Umgang mit Deniz Undav: „Ich weiß ja noch, was ich für Gespräche mit Franz Beckenbauer hatte. Er hat mich nicht immer nur gelobt, wie es nach außen aussah. Lothars zweiter Vater und so weiter. Er hat mich auch mal zur Sau gemacht. Aber das blieb alles intern. Diese Geschichte mit Undav, das sollte nicht passieren. Weil das auch die anderen Spieler wahrnehmen: Heute ist es Undav, morgen bin ich es. Solche Sachen sollte man unter vier Augen klären.“

WM-Favoriten und Ausblick

Matthäus sieht Spanien, Frankreich und England als Top-Favoriten: „Eine europäische Mannschaft wird diese Weltmeisterschaft gewinnen, und für mich sind die Top-Favoriten Spanien, Frankreich und England.“ Lahm stimmte zu und zeigte sich gespannt auf Portugal, Argentinien und Brasilien. Beide sind optimistisch, dass Deutschland die Vorrunde übersteht. Matthäus: „Wir werden auf jeden Fall weiterkommen. Das erste Spiel, wenn du es hoch gewinnst, dann bist du praktisch schon weiter mit drei Punkten und einem guten Torverhältnis. Als Deutschland musst du den Anspruch haben, alle drei Spiele zu gewinnen in dieser Gruppe. Auch wenn man gegen die Elfenbeinküste und Ecuador sicher nicht im Vorbeigehen gewinnt.“