Historisches Tor, gedämpfte Euphorie: Bayerns Rekord und Hoeneß' Realitätscheck
Beim lockeren 5:0-Auswärtssieg des FC Bayern München beim FC St. Pauli schrieb Mittelfeldspieler Leon Goretzka Bundesliga-Geschichte. Sein Treffer zum 2:0 war das 102. Saisontor der Münchner und überbot damit die fast 54 Jahre alte Bestmarke von 101 Treffern aus der Spielzeit 1971/72. Die Mannschaft von Trainer Vincent Kompany erreichte diese historische Marke bereits nach nur 29 Spieltagen und steht nun bei 105 Toren.
Goretzka: Vom Eigentor-Rekord zum historischen Treffer
Ironischerweise war es ausgerechnet Goretzka, dessen Vertrag in München nach acht Jahren nicht verlängert wird, der diesen bedeutenden Treffer erzielte. "Ich musste mir erstmal erklären lassen, welcher Rekord", gab der 31-jährige Nationalspieler nach dem Spiel zu. Die Teamkollegen überreichten ihm nach Abpfiff einen Spielball als Souvenir. Goretzka erinnerte dabei an seinen zweifelhaften Rekord: "Mit dem schnellsten Eigentor der Bundesliga-Geschichte", spielte er auf sein Missgeschick vom 15. Februar 2019 an, als er in Augsburg nach nur 13 Sekunden ein Eigentor erzielte. "Ganz nett und umso schöner, dass jetzt noch ein anderer Moment dazukommt, mit dem man sich verewigt", sagte er lachend.
Historische Parallelen tun sich auf: 1971/72 war es nicht Torjäger-Legende Gerd Müller, der den Rekordtreffer Nummer 101 erzielte, sondern Franz Beckenbauer per elegantem Freistoß. Goretzka traf diesmal per Volleyschuss ins kurze Eck. Trainer Kompany kommentierte: "Ich habe der Mannschaft gesagt: Wenn ein Spieler an seine Momente glaubt, dann ist das Leon. Dass er jetzt unseren Stürmern den Tor-Rekord wegnimmt, nachdem sie so viele Tore gemacht haben, das ist typisch Leon."
Hoeneß' klare Prioritäten: Titel vor Rekorden
Während die Mannschaft den historischen Moment feierte, gab Ehrenpräsident Uli Hoeneß einen deutlichen Realitätscheck. Der 74-Jährige, der in der Rekordsaison 1971/72 selbst 13 Tore erzielte, würdigte zwar die Leistung: "Dass diese Mannschaft jetzt unsere Marke von 101 Treffern nach so vielen Jahrzehnten geknackt hat, sagt viel aus." Doch dann folgte die entscheidende Relativierung: "Im Fußball geht es um Titel, Rekorde sind Nebensache."
Hoeneß lobte insbesondere die mentale Stärke der aktuellen Mannschaft: "Was mir am besten gefällt: Diese Spieler hören nicht auf, die machen auch nach dem vierten oder fünften Tor noch immer weiter. So bricht man Rekorde - und am wichtigsten: So macht man den Fans Freude, Spiel für Spiel." Doch der Fokus bleibt eindeutig auf den anstehenden Herausforderungen, insbesondere dem Champions-League-Viertelfinalrückspiel gegen Real Madrid am Mittwoch.
Warnungen vor Euphorie vor Real-Duell
Diese Zurückhaltung teilte auch Ex-Boss Karl-Heinz Rummenigge, der weiterhin Aufsichtsratsmitglied ist. Bei DAZN warnte er: "Man darf jetzt nicht den Fehler machen, zu viel Euphorie aufkommen zu lassen. Ich nehme im Moment einen kleinen Hype wahr, und der gefällt mir ehrlich gesagt nicht."
Kapitän Manuel Neuer bekräftigte im ZDF die Konzentration auf das kommende Spitzenspiel: "Wir wollen auch dieses Spiel gegen Real gewinnen. Wir wissen, was wir draufhaben und ich glaube, Real freut sich auch nicht unbedingt auf München." Interessant dabei: Toptorjäger Harry Kane, der mit 31 Saisontreffern die Torschützenliste anführt, wurde beim Spiel in Hamburg geschont und wird gegen Real wieder von Beginn an auf Torejagd gehen.
Goretzka selbst beschrieb die Dynamik der Bayern als "wie eine Lokomotive, die ins Rollen kommt" und betonte: "Wir wollen sie einfach weiterrollen lassen. Gegen Real wird es eine riesige Herausforderung. Durch das Hinspiel haben wir uns eine gute Ausgangssituation erarbeitet, aber es ist noch Arbeit zu tun." Trotz seiner historischen Leistung wird der Mittelfeldspieler im wichtigen Champions-League-Spiel voraussichtlich wieder auf der Bank beginnen.
Die Botschaft aus der Bayern-Führungsetage ist damit klar: Der historische Torrekord ist eine schöne Fußnote, doch die wahren Ziele liegen in den anstehenden Titeln. Die Mannschaft muss nun beweisen, dass sie die positive Dynamik aus dem Bundesliga-Alltag in die europäischen Spitzenspiele übertragen kann.



