Bei der Weltmeisterschaft 2026 kommentiert Christina Graf live für die ARD. Im Interview spricht die Kommentatorin über das Hochglanz-Event der Fifa, die Reaktionen von Männern auf Frauen am Mikrofon und den Traum vom Deutschlandspiel.
Vorfreude überwiegt vor dem ersten Einsatz
Christina Graf, was überwiegt bei Ihnen vor Ihrem ersten Einsatz bei der WM 2026 am Sonntag beim Spiel Haiti gegen Schottland: der Stress oder die Vorfreude? Ganz klar die Vorfreude. Natürlich stresst es auch ein bisschen, weil man weiß, was mit dem Ganzen alles einhergeht. Aber grundsätzlich überwiegt tatsächlich die Vorfreude.
Kritik an Fifa-Inszenierung und Ticketpreisen
Die Fifa macht aus der WM ein Hochglanz-Event. Mit viel Inszenierung und absurden Ticketpreisen. Wie bewerten Sie das? Mir ist wichtig, dass ich das so authentisch wie möglich wiedergebe, so wie ich es wahrnehme. Ich bin niemand, der besonders auf Hochglanz steht. Das ist nicht meine Welt. Mir geht es um den Fußball, um den Sport. Als Kommentatorin achte ich auf das Spiel. Trotzdem nimmt man die Begleiterscheinungen wahr. Ob das in Katar war, bei der EM in Deutschland oder bei einem Turnier der Frauen. Man bekommt das mit. Dann muss man offen und ehrlich darüber sprechen, wie man es selbst einordnet. Wenn ein Event gut dargeboten wird, ist daran nicht alles schlecht. Aber Ticketpreise in dieser Höhe, das muss nicht sein. Das ist bitter, weil am Ende der Fan, der eigentlich den Fußball ausmacht, kaum Chancen hat, bei so einem Turnier dabei zu sein.
Das heißt, Sie würden solche Punkte auch ansprechen, während Sie kommentieren? Mein Fokus liegt auf dem Sportlichen, aber ich nehme es natürlich wahr. Und wenn ich etwas einordne, dann so, wie ich es selbst sehe.
Politische Dimension der WM in den USA
Diese WM findet in drei Ländern statt, aber gerade die USA stehen mit Präsident Donald Trump besonders im Fokus. Müssen Sie das im Kommentar mitdenken? Und wenn ja: wie, ohne dabei den Fußball zu übertönen? Ich setze mich mit den Themen natürlich auseinander. Und ich bin dieses Mal auch vor Ort und kann so viel besser einschätzen, wie sich diese WM tatsächlich anfühlt. Aber es bleibt die Frage, wie viel von der Realität man bei so einem Turnier wirklich mitbekommt. Bei einer Fußball-WM oder bei Olympischen Spielen ist man sehr schnell in einer Blase. Natürlich hinterfragt man Dinge kritisch, man geht mit Vorsicht ran und beobachtet, was passiert. Gleichzeitig ist der Grund, warum ich dort bin, der Sport. Darüber will ich sprechen. Und ich glaube, dass es bei uns in der ARD auch Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich mit politischen Themen vor Ort besser auskennen und sich qualifizierter äußern können, als ich das als Fußball-Kommentatorin kann.
Veränderungen für Frauen am Mikrofon
Sie kommentieren in Deutschland als eine von nur wenigen Frauen Fußballspiele von Männern. Und das jetzt schon eine ganze Zeit lang. Was hat sich für Sie seit Ihrem ersten TV-Einsatz 2013 verändert? Es ist leichter geworden, weil wir das inzwischen auf mehreren Schultern tragen. Und man wird nicht mehr als ganz so außergewöhnlich angesehen wie früher. Ich glaube, die Leute wissen, was sie von mir bekommen. Man gehört dazu und ist „part of the game“. Das macht es leichter.
Müssen Frauen am Mikrofon trotzdem anders sein, um akzeptiert zu werden, oder ist genau das die Falle? Das ist die Falle. Ich kann nur so sein, wie ich bin. Ich muss nicht besser sein als irgendwer anders. Das habe ich im Laufe der Zeit immer mehr gelernt. Dieses „besser sein zu müssen“, ist der falsche Ansatz.
Hilfe durch eigene Spielerfahrung
Sie haben selbst Bundesligafußball gespielt. Wie sehr hilft Ihnen das im Job? Früher kam oft das Argument: „Die hat Bundesliga gespielt, die weiß, wovon sie spricht.“ Heute merke ich das zum Teil auch noch, gerade bei jüngeren Kollegen, die das sagen. Man wird dadurch ernster genommen. Mir hilft es auch, weil ich mich in Spieler hineinversetzen kann. Ich habe keine Weltmeisterschaft gespielt, aber ich weiß, was es bedeutet, in den letzten zehn Minuten 0:1 zurückzuliegen. Wie fühlt sich das an, wie ist man mental drauf? Jeder Charakter ist anders, klar. Aber dieses Verständnis hilft, weil ich viel auf dem Feld erlebt habe, von der Jugend bis in die Bundesliga. Ich glaube schon, dass ich daraus etwas ziehen kann.
Debatte um Marie-Louise Eta und Frauenhass
Die Aufmerksamkeit um Unions Trainerentscheidung für Marie‑Louise Eta war riesig. Was sagt das über den Stand von Frauen im Männerfußball aus? Das Wichtigste wäre, den sportlichen Fokus zu sehen und nicht immer wieder das „erste Mal“ in den Vordergrund zu stellen. Ich finde, sie hat das ziemlich gut gemacht und dabei betont, dass es um die Aufgabe geht. Gleichzeitig ist klar: Wenn man als Erste so eine Position besetzt, hat man auch immer eine Vorbildrolle inne. Aber wir müssen irgendwann dahin kommen, dass es deswegen gar keinen Aufschrei mehr gibt.
Wie haben Sie die Reaktionen um den Wechsel von Baumgart zu Eta wahrgenommen? Ich war ehrlich gesagt überrascht, wie wenig über die Gründe für Baumgarts Entlassung diskutiert wurde und wie viel Jubel es für die Entscheidung pro Marie-Louise Eta gab. Damit hat man die sportliche Diskussion fast im Keim erstickt. Das fand ich schräg. Kaum war Eta da, kamen auch direkt wieder die ersten sexistischen Kommentare im Internet. Viele kennen das aus der Debatte um Ihre ZDF-Kollegin Claudia Neumann. Wie nehmen Sie diesen ganzen offen zur Schau gestellten Frauenhass wahr? Ich beschäftige mich damit nicht und versuche das auszublenden. Das gilt auch für das, was anderen Kolleginnen oder Kollegen passiert, weil ich den Sinn darin noch nie so richtig gesehen habe.
Es ist in unserer Gesellschaft so leicht geworden, wahllos zu beschimpfen, ohne wirklich etwas zu wissen. Klar macht man Fehler, und darüber darf man sprechen. Kritik muss möglich sein. Aber es ist in unserer Gesellschaft so leicht geworden, wahllos zu beschimpfen, ohne wirklich etwas zu wissen. Oft entsteht das aus kleinen Schnipseln, die nicht im Kontext stehen. Manche schauen sich nicht mal das gesamte Spiel über 90 Minuten an und hauen online einfach drauf. Ich weiß nicht, wem das hilft.
Haben Sie darüber mal mit Claudia Neumann gesprochen? Wir haben über viele Dinge gesprochen, aber das war eigentlich nicht das große Thema. Man sieht sich bei größeren Turnieren und quatscht kurz. Ich glaube auch, dass es nicht diese Bedeutung einnehmen darf, dass es immer Thema ist. Es hilft natürlich auch nicht immer, es einfach wegzuschieben. Es muss einen gesunden Umgang geben. Aber wie der aussieht, ist sehr unterschiedlich. Die eine antwortet direkt bei Social Media, der andere zieht sich zurück, der nächste schaltet komplett ab. Manche lassen andere querlesen und sich einen Überblick geben. Jeder muss da seinen Weg finden.
Erfolgsgefühl und Lernmomente
Woran merken Sie nach einem Spiel, dass Sie einen guten Job gemacht haben, dass es heute super war? Dieses Gefühl „das war heute super“ hatte ich noch nie (lacht). Das wäre schön. Man merkt oft schon zur Halbzeit, wie es läuft. Und es hängt auch davon ab, was auf dem Rasen passiert. Ist das Spiel träge? Ist Euphorie drin? Wie ist die Stimmung? Für mich ist entscheidend: Lag ich bei kritischen Szenen richtig? War ich schnell genug? Passte die Einschätzung? Nicht, ob ein lustiger Spruch dabei war.
Hatten Sie eigentlich ein Mitspracherecht, als es darum ging, welche Spiele Sie bei der WM kommentieren? Tatsächlich nicht, aber ich wusste schon länger, welche Spiele es sein werden. Wie groß ist denn die Chance, dass man Sie bei einem Deutschlandspiel am ARD-Mikrofon hört? Ich weiß nicht, wie viel ich dazu verraten darf. Aber zumindest in der Vorrunde wird keines dabei sein.
Enttäuscht Sie das? Nein, das ist total in Ordnung. Natürlich ist das toll, wenn man ein Deutschlandspiel machen kann. Aber es muss auch für mich passen. Schließlich sind die Wege bei dieser WM weit, es muss also auch logistisch und kostentechnisch machbar sein. Wenn es kommt, dann kommt es, dann sage ich nicht nein. Aber ich finde, die Redaktion trifft ihre Entscheidungen sehr gut und gewissenhaft. Ich stehe da voll dahinter.
Was war Ihr härtester Lernmoment als Kommentatorin? Ein Fehler, ein Blackout oder etwas, das gesessen hat? Und was haben Sie daraus mitgenommen? (Überlegt lange). Ich glaube, ich profitiere heute sehr davon, früh die Anweisung erhalten zu haben, nicht rumzueiern. Auch seine Meinung zu Szenen äußern zu können und damit nicht immer richtig liegen zu müssen. Weil das in der Schnelligkeit auch manchmal gar nicht anders geht.



