Exklusiver Einblick ins Adidas-Archiv: Fußballgeschichte zum Anfassen
Als Frederik Simon den historischen Fußballschuh aus dem Regal nimmt, überkommt mich eine intensive Gänsehaut. Ein eiskalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Mit genau diesem Schuh spielte Benedikt Höwedes am 13. Juli 2014 das WM-Finale im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro gegen Argentinien. In der 113. Minute erzielte Mario Götze das entscheidende Tor zum 1:0 – Deutschland wurde Weltmeister. Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. Am Vortag hatte ich meinen Abiball gefeiert, die Freiheit lag vor mir und einer der schönsten Sommer meines Lebens begann.
4274 Tage später kleben noch immer Reste des Finalrasens unter den Stollen. Grüne, schimmernde Flecken ziehen sich über das schwarz-weiß-orange gemusterte Leder. Dieser Schuh hat nicht nur ein Spiel entschieden, sondern deutsche Fußballgeschichte geschrieben.
Die Schatzkammer des deutschen Fußballs
Ich befinde mich in Herzogenaurach, wo Adidas auf 59 Hektar seine Unternehmenszentrale betreibt. Tief im Keller eines der Hauptgebäude liegt ein Raum, der Fußballherzen schneller schlagen lässt: das Adidas Archiv. Eine wahre Schatzkammer, die 75 Jahre Sportgeschichte bewahrt. Als BILD-Reporter erhielt ich die seltene Gelegenheit, diesen besonderen Ort zu betreten.
Seit 2009 existiert das Archiv, in dem mehr als 42.000 katalogisierte Produkte auf 260 Quadratmetern lagern. Jedes Stück – ob Schuhe, Bälle oder Trikots – wird hier sorgfältig konserviert und bewahrt. Gleich am Eingang fällt ein großer brauner Koffer des Luxusunternehmens Louis Vuitton ins Auge. Es handelt sich um eine Balltruhe, die die Spielbälle aller Fußball-Weltmeisterschaften seit 1970 enthält. Vom ersten schwarz-weißen Lederball aus Mexiko bis zum modernen adidas-Trionda, einem bunten Synthetikball mit integriertem Chip für das kommende Turnier, der sogar einen eigenen TikTok-Account besitzt.
Emotionale Zeitreise durch deutsche Fußballgeschichte
Links liegt der Fevernova-Ball von 2002, den Oliver Kahn im Finale nicht halten konnte. Ronaldo traf, Deutschland wurde nur Vize-Weltmeister. Dieses Spiel ist meine erste bewusste Fußballerinnerung – ich sehe mich als sechsjährigen Jungen vor dem Fernseher sitzen und mit meinem Torwart-Idol mitfühlen.
Im Archiv herrschen konstante 18 Grad Celsius bei 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Spezielles LED-Licht verhindert Wärmeentwicklung, um die historischen Stücke bestmöglich zu erhalten. Auf einem Regal beginnt die Fußballschuh-Geschichte von Adidas mit den Schuhen vom Wunder von Bern 1954. Originalgetragen von Max Morlock, dem Torschützen zum zwischenzeitlichen 1:2 im Finale, das Deutschland schließlich 3:2 gewann. Daneben stehen die klobigen, fast hölzernen Fußballstiefel der ungarischen Mannschaft, die im strömenden Regen von Bern zum Nachteil wurden.
Weiter geht die Reise mit den Schuhen von Paul Breitner aus dem WM-Finale 1974, mit denen er den Elfmeter zum 1:1 gegen Holland verwandelte. Die schwarzen Treter von Thomas Hässler bei der WM 1990 stehen für unseren dritten WM-Titel. Und natürlich der bereits erwähnte Schuh von Benedikt Höwedes.
Von Beckham bis Messi: Internationale Legenden
Das Archiv beherbergt auch ein Modell des Kult-Fußballschuhs Predator von David Beckham von der WM 2002. Dazu gesellt sich der lila Adizero F50, extra für Lionel Messi angefertigt. Neben der Aufschrift Leo 10 auf der Außenseite ziert eine Argentinien-Flagge das Innere.
Gemeinsam mit Adidas-Chefdesigner Jürgen Rank (55) begebe ich mich auf eine Zeitreise durch die Trikotgeschichte der deutschen Nationalmannschaft. Vom EM-Trikot 1980 mit Polokragen über das legendäre Weltmeister-Trikot von 1990 – eigentlich für die Heim-EM 88 entworfen, aber auf Wunsch von Franz Beckenbauer beibehalten – bis hin zum neuen Heimtrikot für die WM 2026. Dieses Trikot markiert das Ende einer Ära: Nach über 70 Jahren Partnerschaft wird die Zusammenarbeit zwischen Adidas und dem DFB zum 1. Januar 2027 enden, dann übernimmt Nike.
Das blaue Abschiedsgeschenk
Auch das neue blaue Auswärtstrikot, erst vor einer Woche präsentiert, hängt bereits im Archiv. Auf die Frage nach der Farbwahl erklärt Rank: „Die Farbe ist inspiriert von alten Trainingswear-Teilen des DFB. Bereits 1954 begann es mit den Halfzippern von Sepp Herberger und Adi Dassler in Navy. Diese Tradition setzte sich durch die Jahrzehnte fort, sogar in einem Freundschaftsspiel 1986 vor der WM in Mexiko wurde in Blau gespielt. Wir suchten einen neuen Akzent für 2026 und fanden ihn in einer Farbe, die tief in der DFB-DNA verankert ist.“
Fast bei jedem weiteren Stück schießen mir sofort Bilder in den Kopf, die ich mit diesen legendären Gegenständen verbinde – und immer wieder fühle ich mich in mein Kinderzimmer zurückversetzt. Dieses Archiv bewahrt nicht nur Schuhe, Bälle und Trikots, sondern konserviert die größten Momente des Fußballs für die Ewigkeit.



