US-Stürmer Folarin Balogun hat sich erstmals selbst zum Hin und Her um seine Sperre geäußert und Verständnis für die Aufregung zum Ausdruck gebracht. Es sei normal, nach einer Roten Karte gesperrt zu werden. „Natürlich ist es dann kontrovers, wenn die Entscheidung geändert wird“, sagte der 25 Jahre alte Angreifer nach dem 1:4 im WM-Achtelfinale gegen Belgien. „Wir haben die Entscheidung akzeptiert, als ich die Rote Karte gesehen habe, und wir haben die Entscheidung akzeptiert, als uns gesagt wurde, dass ich spielen kann“, erklärte der Fußballprofi.
USA scheitern im Achtelfinale – Balogun ohne Tor
Die von Präsident Donald Trump befeuerte Pathos-Party der USA hatte in der Nacht ein jähes Ende gefunden. Das Team um Stürmer Folarin Balogun, der nach einer Roten Karte im vorausgehenden Spiel seine Sperre vom Weltverband FIFA überraschend erlassen bekommen hatte, verlor im Achtelfinale von Seattle verdient mit 1:4 (1:2) gegen Belgien. Balogun selbst erzielte keinen Treffer – und konnte die Niederlage nicht abwenden.
Vor 66.925 Zuschauern – darunter auch der schwer in der Kritik stehende Fifa-Präsident Gianni Infantino – zeigte der letzte verbleibende Co-Gastgeber seinen mit Abstand schwächsten Turnierauftritt. Infantino sah am Montag (Ortszeit) aus einer Loge zu, wurde aber anders als bei den meisten weiteren Partien nicht groß auf den Stadionleinwänden eingeblendet.
Telefonat zwischen Trump und Infantino löst Skandal aus
Weil der Entscheidung zum Aussetzen der Sperre ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und Verbandsboss Infantino vorausging, entwickelte sich der Fall in den vergangenen eineinhalb Tagen zu einem der größten Fußball-Skandale in der WM-Historie.
Balogun hatte den Freistoß zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich durch Bayer Leverkusens Malik Tillman (31.) herausgeholt. Doch Belgien gewann am Ende verdient durch Tore von Charles De Ketelaere (9./33.), Hans Vanaken (57.) und Romelu Lukaku (90.+3) und trifft im Viertelfinale am Freitag (21.00 Uhr/MESZ) in Inglewood bei Los Angeles auf Europameister Spanien.
Trumps Einmischung und die Fifa-Entscheidung
Die Fifa hatte Baloguns Sperre aufgehoben, nachdem sich US-Präsident Trump persönlich bei Fifa-Präsident Infantino dafür eingesetzt hatte. Wie Trump selbst vor Journalisten im Oval Office bestätigte, habe er Infantino um die Überprüfung der Roten Karte gebeten. Er halte die Entscheidung des „schrecklichen“ Schiedsrichters nicht für gerechtfertigt. „Ich finde, wir müssen alle besten Spieler auf dem Platz haben. Man kann die besten Spieler nicht einfach herausnehmen“, betonte er. Und: „Ich habe lediglich um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht glaube, dass es ein Foul war. Und ich kenne mich mit solchen Dingen aus.“
Trump wusste nach eigenen Angaben kurz nach Baloguns Spieleinsatz gegen Bosnien-Herzegowina nicht einmal, was eine Rote Karte bedeutet. „Als ich es dann erfuhr, dachte ich: ‚Das kann doch nicht wahr sein!’“ Vor den Journalisten beschrieb er Infantino schließlich als „klugen, starken Mann“ und betonte: „Ich habe nicht gesagt, dass man das tun muss.“
Medienberichte des Sportportals „The Athletic“ (gehört zur „New York Times“), des „Wall Street Journal“ sowie der Agenturen AP und AFP hatten zuvor übereinstimmend berichtet: US-Handelsminister Howard Lutnick und Andrew Giuliani, die Leiter der WM-Taskforce des Weißen Hauses, sollen nach dem Spiel mehrere Telefonkonferenzen mit Trump organisiert haben.
Die Sperre, so sagten sie demnach, sei nicht nur unverdient – sie drohe, die Chancen der US-Mannschaft zu untergraben. Trump, der maßgeblich daran beteiligt war, die Weltmeisterschaft in die USA zu holen, und ihren Erfolg als eine Frage des persönlichen Stolzes betrachtete, wollte nicht, dass der Platzverweis einen Schatten auf das Turnier wirft.
Als sein Team keinen Weg fand, die Sperre aufzuheben, soll er schließlich selbst zum Telefon gegriffen und Infantino kontaktiert haben. Weder die Fifa noch das Weiße Haus hatten diese Information offiziell kommentiert. Nach der Aufhebung meldete sich Trump umgehend über Truth Social: „Vielen Dank an die Fifa, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist, und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt.“
Infantino: So funktioniert das System nicht
Fifa-Präsident Gianni Infantino verteidigte die Entscheidung. Die zuständigen Justizorgane des Weltverbandes seien unabhängig und arbeiteten autonom, schrieb er in einer Stellungnahme. Zudem wendeten sie den Fifa-Disziplinarkodex an und träfen ihre Entscheidungen ausschließlich auf der Grundlage der geltenden Regeln und der jeweiligen Faktenlage. Der Fifa-Chef bestätigte, dass er mit Trump gesprochen habe. Er habe dabei erklärt, dass ein laufendes Verfahren von den unabhängigen Fifa-Justizorganen entschieden werde. „So funktioniert das System der Fifa, und dieses Prinzip werde ich immer verteidigen. Ob uns eine Entscheidung persönlich gefällt oder nicht, ist irrelevant“, sagte Infantino. Er spreche regelmäßig auch mit anderen Staats- und Regierungschefs sowie Vertretern aus Fußball und Wirtschaft.
Als Rechtsgrundlage verwies die Fifa auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach die Durchführung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden kann. Baloguns Sperre werde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Sollte sich der Angreifer in dieser Zeit „einen weiteren Verstoß gleicher Art und Schwere“ erlauben, werde die Sanktion vollstreckt – was sportlich nun keine Rolle mehr spielt, da die USA ausgeschieden sind.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Fifa von Artikel 27 Gebrauch macht. Erst im Vorjahr sah Cristiano Ronaldo im vorletzten Quali-Spiel gegen Irland eine Rote Karte für einen Ellbogenschlag. Der Weltverband sperrte ihn für eine Partie und setzte die weiteren beiden zur Bewährung aus, sodass der Kapitän ab dem WM-Auftakt zur Verfügung stand. Der entscheidende Unterschied: Bei Ronaldo wurde die Sperre über den Regelpassus nur verkürzt, bei Balogun nun de facto aufgehoben.
Belgien wehrte sich – vergeblich
Der belgische Fußballverband (RBFA) hatte der Fifa nach der Aufhebung schwere Vorwürfe gemacht. Der Verband habe lediglich eine Kopie der Entscheidung und eine Erläuterung des Verfahrens verlangt. Als einzige Reaktion habe er ein Schreiben der Fifa erhalten, in dem sie die Korrespondenz kurzerhand als Berufung wertete – und gleichzeitig mitteilte, dass dem RBFA nur wenige Stunden blieben, diese zu vervollständigen.
Das Problem: Nach den eigenen Regularien der Fifa sei eine Berufung nur zulässig, wenn dem Berufungsführer zuvor die begründete Entscheidung zugestellt wurde. „Obwohl der RBFA lediglich berechtigte Erklärungen verlangte, konstruierte die Fifa selbst ein Berufungsverfahren und sorgte zugleich dafür, dass dieses als unzulässig eingestuft werden würde“, hieß es im Statement der Belgier. Trainer Rudi Garcia hatte es vor dem Spiel so formuliert: „Wir verteidigen nicht Belgien, wir verteidigen den Fußball. Das ist das erste Mal in der WM-Geschichte, dass so eine Entscheidung getroffen wird. Ich wusste nicht, dass der 5. Juli bei der WM wie der 1. April ist. Es klingt wie ein schlechter Scherz.“
Rotsperre-Aufhebung der Fifa sorgt für viel Kritik
Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger kritisierte die FIFA in der ARD scharf: „Es darf nicht dazu kommen, dass Staaten eingreifen. Das geht nicht.“ Der ganze Vorgang werfe kein gutes Licht auf den Weltverband. Er könne die Entscheidung „nicht nachvollziehen“.
Ex-Bundesliga-Referee Lutz Wagner zeigte sich „geschockt“ über die Verfahrensweise. Durch diesen Eingriff sei ein „Präzedenzfall“ geschaffen worden, „und der schadet der Glaubwürdigkeit des Sports generell“. Es gebe zwar „die Möglichkeit, eine Entscheidung zu kippen oder zu widerrufen – wenn es ein offensichtlicher Irrtum ist oder ein ganz klarer offensichtlicher Fehler vorliegt“, erklärte Wagner. Das sei hier aber nicht der Fall und die Rote Karte gegen Balogun berechtigt gewesen.
Der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp kommentierte zu dem Vorfall bei MagentaTV als „verrückt“. Auch der frühere Fifa-Präsident Joseph Blatter kritisierte den Weg des Weltverbandes via X: „Wenn ein US-Präsident beim Fifa-Präsidenten interveniert – und ein Spieler plötzlich vor einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft freigesprochen wird –, stellt sich unweigerlich die Frage: Quo vadis, Fifa?“
Die UEFA rügte den Vorfall in einem Statement und zeigte sich „angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung“ fassungslos. Schiedsrichter-Experte Patrick Ittrich sagte: „Das ist in Teilen unerträglich, was da passiert.“
Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina zunächst das Führungstor erzielt (45.) und später die Rote Karte gesehen (64.) – nach Überprüfung durch den Video Assistant Referee (VAR). Sein Tritt gegen Tarik Muharemovic war zwar hart, aber offensichtlich unabsichtlich.
Doch der VAR bestätigte die Entscheidung. US-Coach Mauricio Pochettino hielt den Platzverweis für einen klaren Fehler von Referee Raphael Claus aus Brasilien: „Ich denke, wir müssen feiern, dass das eine faire Entscheidung ist, uns nicht noch mehr zu bestrafen. Das war schon genug.“
Der Vorgang erinnert an die WM 1962, als der Brasilianer Garrincha im Halbfinale Rot sah – und im Endspiel wenige Tage später trotzdem spielen durfte. Schiedsrichter-Experte Ittrich dazu: „Das Interessante ist in der Tat, dass wir keine Begründung haben. Es wird irgendwann eine nachgeliefert und am Ende wissen wir nicht, worum es geht.“
Die unerwartete Entscheidung der Fifa samt der Vorwürfe einer politischen Einmischung aus dem Weißen Haus stellte die Integrität des Weltverbandes infrage. Balogun (AS Monaco) war mit drei Toren der erfolgreichste Angreifer der USA bei dieser WM – Balogun, der als gefeierter Held ins Stadion eingezogen war, blieb ohne Tor.
Zu den schärfsten Kritikern der Entscheidung zählte auch Belgiens Trainer Rudi Garcia. Balogun und der Franzose sprachen nach der Partie miteinander. „Er kam zu mir, das hat mir gefallen. Er ist nicht schuld. Er hat nichts falsch gemacht. Ich schätze ihn“, sagte Garcia auf der Pressekonferenz. „Ich wollte Belgien und Rudi Garcia gratulieren und ihnen viel Erfolg wünschen für den Rest des Turniers“, berichtete Balogun von dem Gespräch.



