Heringsfischer in Mecklenburg-Vorpommern kämpfen mit dreifacher Belastung
Die Heringssaison an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns gestaltet sich in diesem Jahr außergewöhnlich schwierig. Während passionierte Angler an den Kaikanten in Rostock und anderen Küstenorten mit ihren Paternoster-Systemen erfolgreich Heringe aus dem Wasser ziehen, stehen die Berufsfischer vor massiven Herausforderungen. Ein früher und langer Winter, eine wachsende Robbenpopulation sowie explodierende Kraftstoffpreise setzen der traditionellen Fischerei schwer zu.
Später Saisonstart durch anhaltende Frostperiode
Nach Angaben des Thünen-Instituts für Ostseefischerei sorgte der vergleichsweise kalte und lange Winter dafür, dass die Heringe später als in den Vorjahren in die Laichgebiete einwanderten. „Wir hatten mit dieser langen Frostperiode zu tun, so dass der Greifswalder Bodden eigentlich über Wochen komplett zugefroren war“, erklärt Stefan Thurow, Geschäftsführender Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Peenemündung Freest. Die Fischer konnten erst Mitte März auslaufen – normalerweise beginnt die Heringssaison bereits Mitte Januar. Damit fehlten den Betrieben gut zwei Monate wertvoller Fangzeit.
Robbenplage macht traditionelle Fangmethoden unmöglich
Ein weiteres gravierendes Problem stellt die wachsende Population von Kegelrobben dar. „Das ganz große Problem, was wir im Bodden haben, sind tatsächlich die Kegelrobben“, so Thurow. Die Tiere haben mittlerweile jede Scheu vor Booten verlunden und plündern systematisch die Stellnetze der Fischer. Während früher Netze über Nacht ausgebracht und am nächsten Tag eingeholt werden konnten, ist dies heute unmöglich geworden. Die Robben finden die Netze und fressen sie leer, was die Fischer zu aufwändigen und ineffizienten Fangmethoden zwingt.
Explodierende Kraftstoffpreise verschärfen die Situation
Zusätzlich belasten hohe Kraftstoffpreise die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage der Fischer. „Die Kraftstoffpreise haben sich verdoppelt hier für die Schiffe“, berichtet Thurow. Bei solchen Kosten fahre man nicht mehr raus, um wahrscheinlich vergeblich nach Hering zu suchen. Viele Fischer haben daher die Stilllegung ihrer Kutter zum 1. April angemeldet, wofür sie Prämien zur Bestandsschonung erhalten. Die Frage, ob eine Verschiebung dieser Stilllegung sinnvoll ist, stellt sich angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen kaum noch.
Begrenzte Fangmengen und strukturelle Veränderungen
Seit Jahren unterliegt die Heringsfischerei in der Ostsee strengen Auflagen. Nur kleinere Kutter und passive Fangmethoden wie Stellnetze sind erlaubt, große Kutter und Schleppnetze bleiben tabu. Die ohnehin geringen erlaubten Fangmengen konnten in dieser Saison oft nicht einmal ausgeschöpft werden. Oliver Greve, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Wismarbucht, bestätigt: „Es war schlechter als in den vergangenen Jahren.“ In seiner Region sind nur noch zwei aktive Fischer tätig, was den strukturellen Wandel in der Branche verdeutlicht.
Hoffnung auf einen guten Jahrgang trotz aller Widrigkeiten
Fischereiexperten wie Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut sehen im kalten Winter jedoch auch einen Hoffnungsschimmer. Spätere und wärmere Winter gelten als Hauptursache für die schlechte Nachwuchsproduktion des Herings in der westlichen Ostsee. „Ein früh eintretender und kalter Winter könnte einen einzelnen guten Jahrgang hervorbringen“, so Zimmermann. Bis Juni nehmen seine Mitarbeiter wöchentlich Proben, um die Entwicklung des Heringsnachwuchses zu beobachten. Ob 2026 tatsächlich einen guten Heringsjahrgang hervorgebracht hat, wird sich jedoch erst im Herbst anhand konkreter Zahlen zeigen.
Der Verarbeitungsbetrieb der Genossenschaft in Freest spürt die Auswirkungen der schwierigen Saison bereits deutlich. Man habe nur etwa die Hälfte des eigentlich bestellten küchenfertigen Herings produzieren können. Für eine Branche, die bereits mit den Folgen des Klimawandels, Überfischung und Nährstoffeinträgen kämpft, stellen die aktuellen Herausforderungen eine weitere Belastungsprobe dar.



