Nur noch vier Monate bis zur Berliner Abgeordnetenhauswahl – der Wahlkampf nimmt Fahrt auf. Am Freitag stellten die Grünen ihre Kampagne zur Berlin-Wahl 2026 vor, und zwar mit einem deutlichen Versprechen: Die Partei will „Raus aus dem Rückwärts“ und stattdessen den Vorwärtsgang einlegen. Sie wollen sich von einer Politik lösen, die Berlin ihrer Überzeugung nach seit Jahren lähmt. „Berliner:innen lieben ihre Stadt“, sagte Spitzenkandidat Werner Graf, der gemeinsam mit seiner Co-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch die Kampagne präsentierte. Doch explodierende Mieten, ein veralteter öffentlicher Nahverkehr, immer mehr Verkehrstote und zunehmend verschmutzte Parks verändern die Stadt. Die Grünen zeichneten das Bild einer Stadt, in der im Alltag vieles nicht mehr reibungslos funktioniert. „Berlin ist einzig, aber ganz bestimmt nicht artig“, betonte Graf. Soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Weltoffenheit seien die Themen, die die Menschen in der Stadt bewegten. Genau diese Menschen wollen die Grünen ansprechen.
Der unbekannteste Kandidat
Doch kann das mit einem Spitzenkandidaten gelingen, der laut Umfragen bei den Berliner:innen am unbekanntesten ist? „Darum machen wir uns am wenigsten Sorgen“, entgegnete Jarasch. Werner Graf werde als frischer Kopf ins Rennen um den Posten im Roten Rathaus geschickt, während Jarasch selbst als „die Erfahrene“ an seiner Seite auftrete. Graf selbst wirkte zu Beginn des Termins etwas nervös. Er hielt sich an seinem Sprechzettel fest, verhaspelte sich einige Male. An seinem dunkelblauen Sakko trug er einen kleinen „FCKNZS“-Anhänger. Doch er fing sich schnell, sprach mit fester, sicherer Stimme über seine Themen: leer stehende Büros zu Wohnraum umbauen, mehr erneuerbare Energien, eine klimaneutrale und bezahlbare Stadt. „Mein Ziel ist ein Berlin, das wieder funktioniert – klimagerecht, bezahlbar und frei“, erklärte er.
Der Vergleich mit seiner wahlkampferfahrenen Parteikollegin ist dennoch schwer zu vermeiden. Jarasch sprach frei, ohne Zettel, präzise und mit rhetorischer Schlagkraft. „Berlin steckt fest, nirgendwo so sichtbar wie auf den Berliner Straßen“, sagte sie und forderte: „Schluss mit dem Gegurke.“
Vier Schwerpunkte, ein breites Programm
Auf vier Themen legt die Partei in diesem Wahlkampf ihre Schwerpunkte: Klimaschutz, bezahlbare Mieten, sichere Verkehrswege und eine starke Demokratie. Beim Thema Verkehr setzen die Grünen auf „verlässliche Öffis“. Jarasch attackierte die CDU-Verkehrspolitik scharf: Sie belaste den Alltag, mache die Stadt stressiger. Die Wagen der BVG seien uralt, Bus und Bahn müssten endlich wieder zuverlässig fahren. „Öffis sind die Lebensadern unserer Stadt“, betonte sie. Graf wiederum schwärmte von der Berliner Kulturszene und warnte vor Kürzungen des Senats: „Wer Kultur streicht, der streicht Berlin.“ Jarasch unterstrich, dass Demokratie nur gemeinsam funktioniere – als Gegenmodell zu einer Politik, die sie als rückwärtsgewandt beschreibt.
Haustüren, Instagram, TikTok
Für den Wahlkampf setzen die Grünen auf eine breite Mobilisierung – immerhin sind sie seit Anfang des Jahres die mitgliederstärkste Partei in Berlin. Die Landesvorsitzende Nina Stahr betonte, dass es in allen Bezirken Haustürwahlkampf geben solle, nicht nur in den grünen Hochburgen der Stadt. „Natürlich spielt auch Social Media eine große Rolle“, sagte Graf. „Aber wir wollen auf alle Wege setzen, um alle Altersgruppen zu erreichen.“ Insbesondere auf Instagram und TikTok werde die Partei aktiv um junge Wählerstimmen werben.
Die Grünen machten kein Hehl daraus, dass die Wahl knapp werden dürfte. Landeschefin Stahr sprach von einem „verdammt engen Rennen“. Die Grünen hätten jedoch „die richtigen Köpfe“. Am Freitag gab sich die Partei kämpferisch-optimistisch – und entschlossen, mit Werner Graf ins Rote Rathaus einzuziehen. Ob Graf dafür das richtige Gesicht ist, wird sich im Wahlkampf zeigen.



