NS-Propaganda im Tagesspiegel: Rubrik „Vor Jahren“ dokumentiert Nazi-Zitate
NS-Propaganda im Tagesspiegel: Rubrik „Vor Jahren“

Die Rubrik „Vor Jahren“: Ein ungewöhnlicher Rückblick

Im Jahr 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, konnten die Leser des Tagesspiegels auf eine besondere Rubrik stoßen: „Vor Jahren“. Diese Rubrik dokumentierte NS-Propaganda aus der Zeit des Nationalsozialismus, und zwar auf den Tag genau rückblickend. Die Redaktion versah die Originaltexte mit eigenen, oft sarkastisch zugespitzten Überschriften, um die Auswahl einzuordnen und zu begründen.

Ein Beispiel: „Führer befiehl, Hindenburg folgt!“

Eine der ersten Zeilen, die in dieser Rubrik erschien, lautete: „Führer befiehl, Hindenburg folgt!“ Dieses Zitat stammte aus einer Meldung der „Berliner Morgenpost“ vom 5. Juni 1934. Der Tagesspiegel stellte damit eine Verbindung her zu der Verantwortung von Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg, der als „Steigbügelhalter“ der Nazis angesehen wurde. Auch das deutsche Militär sollte nicht von den Nazi-Verbrechen freigesprochen werden.

Die „Berliner Morgenpost“ und der Ullstein-Verlag

Die „Berliner Morgenpost“ war gemeinsam mit dem Ullstein-Verlag „arisiert“ worden und erschien nun de facto als ein Organ des Nazi-Pressetrusts Franz Eher Nachf. Der Tagesspiegel zitierte in dieser historischen Kolumne stets in der damaligen Rechtschreibung.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Beitrag zur Schuldfrage

Eine weitere Meldung vom 7. Juni 1933, die am 7. Juni 1946 dokumentiert wurde, trug die kommentierende Überschrift „Beitrag zur Schuldfrage“. In der Meldung hieß es: „Kurz vor der Mitgliedersperre sind bei der Reichsleitung derartige Massen von Aufnahmegesuchen eingegangen (weit über eine Million), daß die Erledigung dieser Aufnahmen Monate in Anspruch nimmt.“ Dahinter steckte die Haltung des Tagesspiegels, die deutsche Schuld an den Nazi-Verbrechen klar zu benennen und darauf hinzuweisen, dass der Kreis der Schuldigen weit über die in Nürnberg vor Gericht stehenden Hauptkriegsverbrecher hinausgehe. In diesem Zusammenhang fiel der Begriff „Kollektivverantwortung“.

Leserfragen und die Antwort der Redaktion

Offenbar hatten einige Leser Fragen zu dieser Rubrik. Am 2. Februar 1946 veröffentlichte die Redaktion erläuternde Sätze unter dem Titel „Nie wieder!“, um die Absicht hinter der Rubrik zu erklären.

Nennung von Propagandisten

Bisweilen wurden unter den dokumentierten Texten nicht nur die Medien, sondern auch die Namen der Verfasser genannt, die sich in den Dienst der Goebbelsschen Propaganda gestellt hatten. Viele dieser NS-Propagandisten setzten ihre Karrieren nach dem Krieg fort, wie in der vorherigen Folge der Kolumne zum Thema „Entnazifizierung“ bereits angedeutet wurde.

Karl-Willy Beer

Karl-Willy Beer wurde mit Durchhalte-Pamphleten aus der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ (DAZ) zitiert, in denen er den „deutschen Schicksalskampf“, die „alte Waffe des unüberwindlichen deutschen Kämpfertums“ und das „Gedankengut des Nationalsozialismus“ besang. Später arbeitete Beer unter anderem für „Die Zeit“, den Nordwestdeutschen Rundfunk sowie das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

Hans Jürgen Krüger und Erich Peter Neumann

Für die DAZ beschworen auch Hans Jürgen Krüger (später FAZ) und Erich Peter Neumann (Gründer des Allensbach-Instituts mit seiner Ehefrau Elisabeth Noelle-Neumann, die ebenfalls NS-propagandistisch tätig war) als „Kriegsberichter“ den NS-deutschen Durchhaltewillen.

Erwin Kiekheben-Schmidt

Erwin Kiekheben-Schmidt trat in „Vor Jahren“ als Kriegsberichterstatter des „Völkischen Beobachters“ in Erscheinung. Zudem war er Gruppenleiter im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Nach dem Krieg und einem eingestellten Entnazifizierungsverfahren übernahm er die Leitung der Abteilung „Presse und Information“ des Zentralverbandes der Elektrotechnischen Industrie.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Josef Winschuh

Josef Winschuh ließ sich in der DAZ folgendermaßen ein: „Im deutschen Vorsprung steckt auch eine der liberalen Wirtschaftspraxis überlegene, auf Kriegserfordernisse hundertprozentig ausgerichtete Wirtschaftsorganisation, die beste Wehrmacht der Welt und vor allem die nationalsozialistische Revolution mit ihrer dreifachen Kraft der völkischen Erneuerung, der sozialen Einigung und des soldatischen Opfergeistes.“ Nach dem Krieg beteiligte sich Winschuh an der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer (heute „Die Familienunternehmer“) und der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, in deren Beirat er saß.

Karl Silex: Vom DAZ-Chefredakteur zum Tagesspiegel-Chefredakteur

Unter den namentlich Genannten in der Rubrik „Vor Jahren“ war auch Karl Silex. Als Chefredakteur der DAZ hatte er vieles von dem verantwortet, was in der Rubrik auftauchte. Die DAZ, die Goebbels als bürgerliches Alibi-Blatt gedient hatte, wurde dort immer wieder zitiert. Den nach dem Krieg weiterhin umtriebigen Nazi-Propagandisten Karl Willy Beer hatte Silex zur DAZ geholt. Karl Silex wurde später, von 1955 bis 1963, Chefredakteur des Tagesspiegels. In der Rubrik „Vor Jahren“ wurde Silex mehrfach namentlich mit Kriegspropaganda und „Führer“-Beweihräucherung zitiert. Der Tagesspiegel dokumentierte damit publizistische Ausfälle seines eigenen späteren Chefredakteurs und betitelte ihn als Hitlers „Propheten“.

Bekenntnisse und Verdrängung

In seinem Buch „Schuld und Geheimnis“ befasst sich Siegfried Weischenberg mit Karl Silex. Er zitiert ein Silex-Bekenntnis in der DAZ: „Wir arbeiten in dem nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers, dem wir auch ohne Berufung auf wiederholtes ,Ja’-Stimmen die Treue halten, dem wir zum Gelingen verhelfen wollen.“ Diese offen bekannte Selbst-„Gleichschaltung“ steht im Widerspruch zu Silex‘ späterer Beteuerung, er und andere Chefredakteure hätten versucht, ihre Zeitungen vor der Gleichschaltung zu bewahren. Frei und Schmitz halten Silex zugute, dass er sich überhaupt zu seinem Verhalten geäußert habe, allerdings erst 1968 in seiner Autobiografie. Silex bestritt nicht, besonders gut informiert gewesen zu sein, behauptete aber, von der „Endlösung“ erst nach dem Krieg erfahren zu haben. Weischenberg stellt dem die Aussagen von Stéphane Roussel und Ralph Giordano gegenüber, die belegen, dass viele Deutsche sehr wohl wussten, was geschah. Auch die Journalistin Ursula von Kardorff, die bei der DAZ tätig war, rühmte Silex‘ Offenheit und gab in ihren Aufzeichnungen zu, von der systematischen Ermordung der Juden durch ausländische Medien erfahren zu haben.

Die Übernahme der Chefredaktion

Im Januar 1955, acht Monate nach dem Tod des Zeitungsgründers Erik Reger, übernahm Silex die Chefredaktion des Tagesspiegels. In einer biografischen Notiz hieß es, Silex sei 1933 zum DAZ-Chefredakteur berufen worden, als das Blatt in eine schwere Krise geraten war und Goebbels die Einsetzung eines nationalsozialistischen Chefredakteurs plante. Zehn Jahre später, wegen Konflikten mit Goebbels, habe Silex die journalistische Tätigkeit aufgegeben und sich zur Marine gemeldet. Von dem, was der Tagesspiegel in „Vor Jahren“ zitiert hatte, war keine Rede mehr.