Die ohnehin angespannte Beziehung zwischen US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. In einem hitzigen Telefonat soll Trump seinem israelischen Amtskollegen schwere Vorwürfe gemacht haben, nachdem Israels Offensive im Libanon die Friedensbemühungen der USA im Iran-Krieg zu torpedieren droht. Der Ausbruch offenbart tiefe strategische Differenzen zwischen den beiden Verbündeten.
Trumps Wutausbruch im Detail
Laut übereinstimmenden Medienberichten verlor Trump in dem Gespräch völlig die Beherrschung. „Bist du völlig verrückt geworden?“, soll er Netanjahu angeschrien haben. „Was zum Teufel tust du da?“ Noch drastischer fiel ein weiterer Satz aus, der durch Indiskretionen in Washington und Jerusalem an die Öffentlichkeit gelangte: „Du wärst im Gefängnis, wenn es mich nicht gäbe. Ich rette dir den Hintern. Jeder hasst dich inzwischen. Jeder hasst Israel deswegen.“
Hintergrund des Konflikts
Trumps Ausbruch kam nicht überraschend. Der US-Präsident sieht seine seit Wochen stockenden Friedensbemühungen mit Teheran durch die israelischen Angriffe im Libanon akut gefährdet. Iran hatte zuvor gedroht, die Verhandlungen über eine Verlängerung des Waffenstillstands auszusetzen, falls Israel seine Offensive nicht stoppt. Für Trump ist ein Erfolg in diesen Gesprächen essenziell: Nach dem kostspieligen Krieg gegen Iran will er den amerikanischen Wählern Stabilität, sinkende Energiepreise und einen diplomatischen Durchbruch präsentieren. Ein Abkommen mit Teheran soll noch vor der Fußball-WM und den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der USA in wenigen Wochen unterzeichnet werden. Jede neue israelische Eskalation gefährdet dieses Ziel.
Strategische Differenzen
Netanjahu hingegen sieht die Hisbollah im Libanon und das gesamte iranische Einflussnetzwerk als eine strategische Herausforderung. Während Trump Fronten schließen will, hält Netanjahu sie offen. Israels Premier befürchtet, dass Trump einen Deal akzeptieren könnte, der Teheran politisch entlastet, ohne Israels Sicherheitsprobleme dauerhaft zu lösen. Der Streit ist daher nicht nur persönlicher Natur, sondern hat tiefe strategische Wurzeln.
Bereits zu Beginn des Iran-Kriegs waren die Unterschiede deutlich geworden: Trump wollte eine begrenzte Kampagne mit schnellem Ausstieg, Netanjahu drängte auf längere Operationen und die Auslöschung des Mullah-Regimes. Jetzt prallen diese Konzepte erneut aufeinander.
Die Machtverhältnisse
Militärisch liegt die Antwort weiterhin in Washington. Ohne amerikanische Waffen, Munition, Geheimdienstinformationen und diplomatische Rückendeckung wäre Israels Handlungsspielraum deutlich eingeschränkt. Doch Netanjahu besitzt ebenfalls Macht: Er verfügt über starke Unterstützer im US-Kongress, die seine Position stärken.
Ausblick
Ist die strategische Beziehung zwischen Washington und Jerusalem also vorbei? Nein, aber sie ist schwer beschädigt. Trump betrachtet den Nahen Osten vor allem durch die Brille seiner Präsidentschaft und seines Wiederwahlkampfes. Netanjahu hingegen sieht die Region durch die Brille israelischer Sicherheitsinteressen. Solange Trump einen Deal mit Iran sucht und Netanjahu weitere militärische Eskalationen für notwendig hält, dürfte der jüngste Wutausbruch nicht der letzte gewesen sein.



