Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat in seinem aktuellen Bericht vor einer zunehmenden Bedeutung von Atomwaffen in der internationalen Sicherheitspolitik gewarnt. Zwar ist die weltweite Gesamtzahl der Atomsprengköpfe leicht gesunken, doch gleichzeitig ist die Zahl der militärisch nutzbaren Sprengköpfe gestiegen. Dieser Trend untergräbt jahrzehntelange Abrüstungsbemühungen.
Mehr einsatzbereite Atomwaffen trotz Rückgang der Gesamtzahl
Laut Sipri sank die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe von 12.241 Anfang 2025 auf 12.187 Anfang 2026. Dieser Rückgang ist jedoch ausschließlich auf die Demontage ausgemusterter Sprengköpfe durch die USA und Russland zurückzuführen. Gleichzeitig stieg die Zahl der militärisch nutzbaren Sprengköpfe von 9614 auf 9745. Davon waren 4012 Sprengköpfe auf Raketen oder Stützpunkten stationiert – 100 mehr als im Vorjahr. Besonders besorgniserregend ist, dass sich zwischen 2100 und 2200 Sprengköpfe in hoher Einsatzbereitschaft auf ballistischen Raketen befanden, fast alle im Besitz Russlands und der USA. Auch Frankreich und Großbritannien verfügen über solche Sprengköpfe, und möglicherweise haben China und Indien begonnen, in Friedenszeiten eine kleine Anzahl von Sprengköpfen auf Raketen zu platzieren.
Wachsende Rolle von Atomwaffen in der Sicherheitspolitik
Sipri-Forscher Hans Kristensen betonte, dass Staaten zunehmend nach nuklearen Lösungen greifen, was neue Risiken schaffe und die Dynamik des Wettrüstens anheize. Die neun Atommächte – USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – setzten ihre Programme zur Modernisierung und Ausweitung ihrer Arsenale fort. Viele stationierten neue atomwaffenfähige oder nuklear bewaffnete Waffensysteme. Sipri-Direktor Karim Haggag warnte, dass einflussreiche Stimmen, darunter Staats- und Regierungschefs, Atomwaffen als Garantie gegen Angriffe propagieren. Wenn Staaten ihre Verteidigungsstrategien stärker von Atomwaffen abhängig machten, könne dies die nuklearen Risiken erheblich erhöhen.
Ausbau der chinesischen Arsenale und Ende des New-Start-Abkommens
China baut sein Atomwaffenarsenal schneller aus als jedes andere Land. Die Zahl der chinesischen Sprengköpfe stieg von 600 auf rund 620. China hat Hunderte Raketen in drei großen Silofeldern im Norden des Landes gelagert und arbeitet an weiteren Silos im Osten. Nach Einschätzung von Sipri könnte China bis zum Ende des Jahrzehnts über mindestens so viele landgestützte ballistische Interkontinentalraketen verfügen wie Russland oder die USA. Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch das Auslaufen des New-Start-Abkommens im Februar ohne Nachfolgeregelung. Dieser letzte bilaterale Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen zwischen Washington und Moskau entfällt, womit eine wichtige Grundlage für öffentliche Daten zu den strategischen Nuklearstreitkräften beider Staaten verloren geht.
Indien und Nordkorea vergrößern ihre Arsenale
Indien verfügte Anfang 2026 über rund 190 Sprengköpfe, Nordkorea möglicherweise über etwa 60. Pakistan blieb bei 170 Sprengköpfen, Israel bei schätzungsweise 90. Auch Staaten ohne eigene Atomwaffen rücken nukleare Fragen stärker in ihre Sicherheitsdebatten. In Europa haben mehrere Staaten, darunter Deutschland, den Wunsch erkennen lassen, die auf US-Waffen gestützte nukleare Teilhabe in der Nato durch ähnliche Arrangements mit Frankreich und Großbritannien zu ergänzen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bestätigte laufende Gespräche mit Deutschland und Großbritannien zu diesem Thema.
Gefahr einer Umkehr des Abrüstungstrends
Nach Einschätzung von Sipri wächst die Gefahr, dass sich der seit Ende des Kalten Krieges anhaltende Rückgang der weltweiten Atomwaffenbestände in den kommenden Jahren umkehrt. Die Demontage ausgemusterter Sprengköpfe verlangsamt sich, während neue Atomwaffen schneller stationiert werden. Sipri-Experte Kristensen erklärte, die Atommächte ließen ihre Abrüstungsverpflichtungen zunehmend außer Acht und ließen stattdessen ihre nuklearen Muskeln spielen. Der Bericht unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die nukleare Abrüstung wieder in den Mittelpunkt der internationalen Sicherheitspolitik zu rücken.



