Nach dem Champions-League-Sieg von Paris Saint-Germain (PSG) kam es in Paris und anderen französischen Städten zu schweren Ausschreitungen. Die Krawalle haben eine Debatte über den Zustand der Republik entfacht, die ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl ohnehin angespannt ist. Catherine Lécuye, Bürgermeisterin des wohlhabenden 8. Arrondissements, forderte eine neue Doktrin der „Null Versammlungen“, da es unmöglich sei, einen Sieg zu feiern, ohne dass es zu Gewalt komme.
Urbane Guerillakriege auf den Champs-Élysées
Die Champs-Élysées wurden zur „Arena für urbane Guerillakriege“, so Lécuye. Gewaltbereite Gruppen plünderten Geschäfte, zündeten Autos an und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Insgesamt wurden 890 Menschen festgenommen. Der Mitte-links-Politiker Raphaël Glucksmann verglich Frankreich mit einem „Schnellkochtopf“, der jederzeit explodieren könne. Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National (RN) kritisierte, dass nur in Frankreich der Sieg eines Fußballvereins Unruhen auslöse.
Duell zwischen Mélenchon und RN zeichnet sich ab
Umfragen deuten auf ein mögliches Duell zwischen dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon von La France Insoumise (LFI) und dem RN-Kandidaten Jordan Bardella oder Marine Le Pen hin. Die politische Mitte ringt um einen gemeinsamen Kandidaten, während die gemäßigten Kräfte zersplittert sind. Politikwissenschaftler Luc Rouban von der Sciences Po Paris sieht das Problem in der Vielzahl der Bewerber. Auf Seiten der bürgerlichen Mitte wollen die früheren Premierminister Gabriel Attal und Édouard Philippe das Erbe von Emmanuel Macron antreten, aber auch Bruno Retailleau, François Hollande und andere bringen sich in Stellung.
Mélenchons riskante Strategie
Mélenchon gibt sich siegesgewiss und präsentiert sich als einziger linker Kandidat, der eine Machtübernahme von Rechtsaußen verhindern kann. Er setzt auf die Angst vor einem RN-Sieg, um Wähler der Sozialisten und Grünen hinter sich zu vereinen. Doch seine Strategie ist riskant: Mélenchon ist der unbeliebteste Politiker des Landes, und seine Haltung nach dem Hamas-Überfall auf Israel sowie antisemitische Äußerungen spalten die Gesellschaft. In einer Stichwahl gegen Bardella oder Le Pen hätte er wohl keine Chance, eine breite „republikanische Front“ zu bilden. Experten warnen vor einem „vote suicidaire“ – einer selbstmörderischen Wahl, die dem RN den Weg zur Macht ebnen könnte.
Zentristen rücken in den Fokus
Édouard Philippe positioniert sich zwischen liberalem Macronismus und traditioneller Rechter. Viele Beobachter trauen ihm zu, gemäßigte Kräfte zu vereinen. Doch er steht unter Druck wegen Ermittlungen zu öffentlichen Aufträgen und hat mit Gabriel Attal einen ehrgeizigen Rivalen. Laut Umfragen liegt Philippe hinter Bardella und fast gleichauf mit Mélenchon.
Politische Blockade droht
Selbst ein Wahlsieg eines moderaten Kandidaten garantiert keine Stabilität, da eine Mehrheit in der Nationalversammlung unsicher ist. Parteien sind schwächer, das Wahlverhalten individueller. Eine Fortsetzung der politischen Blockade könnte das Vertrauen der Franzosen weiter erschüttern. Rouban hält Forderungen nach einer Reform der Verfassung für nicht zielführend; dringlicher seien die Bedrohung durch Russland, Kaufkraft, öffentliche Dienstleistungen, Staatsverschuldung und innere Sicherheit.
Die Ausschreitungen am Wochenende haben den Zustand der inneren Sicherheit erneut vor Augen geführt. Rouban beobachtet einen schwindenden Respekt vor staatlicher Autorität, besonders bei Jugendlichen in den Banlieues. Die Präsidentschaftswahl entscheidet daher nicht nur über die Führung der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas, sondern auch darüber, ob Frankreichs politische Mitte den Grabenkämpfen etwas entgegensetzen kann oder ob die Zukunft an den Rändern entschieden wird.



