Der Mord an Henry Nowak hat in Großbritannien eine breite Debatte ausgelöst. Aktuelle Bodycam-Aufnahmen eines Polizeieinsatzes nach einem Messerangriff in Southampton sorgen für Entsetzen. Auf dem Video ist zu sehen, wie der 18-jährige Student Henry Nowak nach dem Angriff am Boden liegend stirbt – die Polizisten helfen ihm jedoch nicht, sondern legen ihm stattdessen Handschellen an. Dabei ruft der Student mehrmals „I can't breathe“. Der Angreifer, der 23-jährige Vickrum Digwa, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Digwa gehört der Glaubensgemeinschaft der Sikh an. Bei Eintreffen der Polizei belog Digwa die Beamten und behauptete, Henry Nowak – ein Weißer – habe ihn rassistisch beleidigt. Was aber geschah in jener verhängnisvollen Nacht genau?
Der Abend des 2. Dezember 2025
20.30 Uhr – Henry Nowak beginnt seinen Ausgeh-Abend. Dieser Tag sollte eine fröhliche Feier seines neuen Lebens an der Universität werden. Henry Nowak, 18 Jahre alt, ursprünglich aus Chafford Hundred (Essex), hatte im September 2025 ein Bachelorstudium in Rechnungswesen und Finanzwesen an der Universität Southampton aufgenommen. Der junge Mann – er hat drei Schwestern – ist der Stolz der Familie, denn er ist der Erste der Nowaks, der eine Universität besucht. Henry Nowak ist ein begeisterter Sportler, spielt seit seiner Kindheit Fußball und ist sofort dem Fußballverein der Universität beigetreten. An diesem 3. Dezember hatten ihn seine Mannschaftskameraden zu einem gemeinsamen Abend eingeladen, um gemeinsam den Abschluss ihres ersten Semesters zu feiern. Nowak hat sich schick gemacht, trägt ein weißes Hemd, eine Krawatte und einen Pullover mit kurzem Reißverschluss. Um 20.30 Uhr verlässt er seine Universitätsunterkunft im Stadtteil Portswood. Auf den Videoaufnahmen einer Überwachungskamera im Aufzug seines Wohnheims ist zu sehen, wie der junge Mann sich die Haare richtet und eine Flasche Wein bei sich trägt.
21.00 Uhr – Nowak kauft noch ein Getränk. Henry Nowak trifft seine Teamkollegen, die ebenfalls Hemden und Krawatten tragen. Das nächste Mal wird er in einem Getränkekeller gesehen, der zehn Gehminuten von seiner Unterkunft entfernt ist. Während seine Teamkollegen draußen warten, kauft er um 21.01 Uhr in „Charlie's Bargain Booze“ noch ein Dosengetränk.
22.30 Uhr – Ankunft im Pub. Henry ist im „Hobbit Pub“, einem beliebten Treffpunkt für Studenten, angekommen. Nachdem er den Türstehern seinen Ausweis gezeigt hat, betritt er das Pub, sieht sich um und verlässt die Kneipe bereits drei Minuten später wieder.
23.07 Uhr – Auf dem Weg nach Hause. Um 23.06 Uhr ist Henry Nowak in der Nähe des „Jesters“ – einem bei Studenten beliebten Nachtclub. Er beginnt seinen Heimweg, fortan ist er allein unterwegs. Videoaufnahmen einer Überwachungskamera, die der Jury im Crown Court von Southampton vorgeführt wurden, zeigen, wie er um 23.07 Uhr in nördlicher Richtung – auf seine Unterkunft zu – unterwegs ist. Der junge Mann geht zügig, manchmal joggt er auch. Dabei verschickt Nowak immer wieder Nachrichten und kleine Videos über die Social-Media-App Snapchat. Im Freundeskreis war er als jemand bekannt, der nur wenig Alkohol trank. Die spätere Obduktion ergab, dass Nowak zu diesem Zeitpunkt 65 mg Alkohol im Blut hatte – ein Wert, der deutlich unter der gesetzlichen Promillegrenze von 80 mg liegt. Der 18-Jährige biegt dann auf die Belmont Road ab – eine ruhige Wohnstraße, die größtenteils aus viktorianischen Doppelhaushälften besteht. Er ist fast zu Hause.
Die Begegnung mit dem Täter
23.17 Uhr – Vickram Digwa und Henry begegnen sich. Vickram Digwa, der in der Nähe wohnt, trifft ebenfalls in der Belmont Road ein. Er steigt um 23.17 Uhr aus einem Auto aus. Nur wenige Meter entfernt kommt ihm Henry Nowak nun auf der Straße entgegen. Der nimmt gerade wieder ein Video von sich selbst auf, es zeigt ihn beim Singen von Liedern. Henry sieht Digwa, der ein großes, zeremonielles Messer in einer Scheide quer über den Oberkörper trägt, und beginnt, den ihm entgegenkommenden Mann mit dem Handy zu filmen. Alle Sikhs sind verpflichtet, stets ein Messer – einen sogenannten Kirpan – bei sich zu führen; dieses ist jedoch üblicherweise klein, an einer Halskette befestigt und wird unter der Kleidung getragen. Digwa hingegen war Mitglied eines Ordens namens Nihang, dessen Angehörige offen ein zweites, größeres Messer in einer Scheide zur Schau stellen. Diese Waffe wird Henry Nowak später das Leben kosten. Was dann passiert, nennt Richter William Mousley KC im Prozess eine „tragische Fehleinschätzung“ des 18 Jahre alten Briten, die die Situation eskalieren lässt. Henry Nowak fragt Digwa frech, ob dieser ein „böser Mann“ sei – offenbar angesichts des sichtbar getragenen Messers. Digwa antwortet daraufhin, dass er tatsächlich ein „böser Mann“ sei. Dann entreißt er Henry Nowak dessen Telefon. Das Video auf Henry Nowaks Smartphone endet nun. Es wurde bisher nicht veröffentlicht.
Es kommt zur körperlichen Auseinandersetzung. Womöglich durch die Kommentare aufgebracht, löst Digwa dann ein laut Gerichtsprotokoll „körperliches Handgemenge“ aus. Dabei wird Henry Nowak fünfmal von einem Messer verletzt – zweimal in die Brust, zweimal in eines seiner Beine und einmal in die Leistengegend. Zudem erleidet der 18-Jährige Schnittverletzungen im Gesicht. Der Student ist bei Bewusstsein, er versucht auch noch zu fliehen. Zeugen hören einen Mann – bei dem es sich mutmaßlich um Henry Nowak handelte –, der ausrief: „Ich werde sterben!“
Die Flucht und die Folgen
23.22 Uhr – Henry Nowak versucht zu fliehen. Um 23.22 Uhr filmt Digwa mit seinem eigenen Mobiltelefon, wie sein Opfer zu entkommen versucht. Henry Nowak versucht, über einen Müllcontainer und einen Zaun zu klettern. Als der Richter am 1. Juni das Strafmaß für Digwa verkündet (lebenslange Haft, mindestens 21 Jahre Gefängnis), sagt er in Richtung des Angeklagten: „Sie filmten weiterhin, wie Henry litt, und ignorierten dabei weitgehend dessen Verzweiflung darüber, niedergestochen worden zu sein. Sie redeten ihm ein, dies sei gar nicht geschehen – zweifellos, um andere Personen in der Nähe davon zu überzeugen.“ Diese Videos wurden bisher nicht veröffentlicht.
Die Polizei wird gerufen, Digwas Familie kommt. Digwas Bruder, Gurpreet, ist nun ebenfalls am Tatort. Er ruft auch noch ihren Vater, Moga Singh, an. Dieser soll vom nahegelegenen Elternhaus in der St Denys Road – nur eine halbe Meile entfernt – zum Tatort kommen. Digwa erzählte seinem Bruder, er sei von Henry Nowak rassistisch beschimpft worden. Gurpreet, der den Angriff selbst nicht miterlebt hatte, gibt dies Minuten später während eines Notrufs an die Polizei genau so zu Protokoll. Digwa unterbricht das Gespräch, er lügt die Anrufer direkt an: Henry Nowak habe ihn als „Paki“ beschimpft. Er erwähnte weder, dass Herr Nowak niedergestochen worden war, noch, dass ein Krankenwagen benötigt wurde.
23.23 Uhr – Die Eltern von Digwa treffen ein. Um 23.23 Uhr sind auch Digwas Eltern am Tatort. Gurpreet Digwa filmt dies und dokumentiert dabei auch, wie sein Bruder die Mutter auffordert, die Tatwaffe verschwinden zu lassen. Das entsprechende Videomaterial wurde bislang nicht veröffentlicht. Das Messer wird später im Elternhaus aufgefunden. Die Mutter – sie heißt Kiran Kaur – wurde bereits der Beihilfe zu einer Straftat für schuldig befunden; das Strafmaß wird zu einem späteren Zeitpunkt verkündet.
Das Versagen der Polizei
23.37 Uhr – Die Polizei ist da. Die Polizei trifft um 23.37 Uhr am Tatort ein. Was fortan passiert, wird von ihren Bodycams aufgezeichnet. Das Opfer liegt zu dem Zeitpunkt am Boden, umringt von dem Angreifer, dessen Bruder sowie beiden Eltern. Henry Nowak blutet stark, er ist schwer verletzt und bisher ohne jegliche medizinische Versorgung. Digwas Vater versuchte, Herrn Nowak sitzend zu halten, während dieser mit heiserer Stimme ruft: „Ich wurde niedergestochen! Ich kann nicht atmen! Ruft einen Krankenwagen!“
Die Polizei bittet Digwa um seine Sicht der Dinge. Sie scheint seinen Aussagen, in denen er sich als Opfer darstellt, Glauben zu schenken. Als Henry Nowak erneut darauf hinweist, dass er niedergestochen wurde („I have been stabbed!“), weist ihn ein Beamter mit den Worten zurecht: „Ich glaube nicht, dass du das bist, Kumpel.“ Daraufhin werden Herrn Nowak Handschellen angelegt. In diesen Minuten ruft der 18-Jährige den Beamten insgesamt neunmal zu: „Ich kann nicht atmen!“ – eine Parallele zum Tod von George Floyd in den USA im Mai 2020. Erst nachdem Nowak seine Rechte verlesen worden waren – dies ist wichtig, um später eine Anklage erheben zu können –, fragt ihn eine Beamtin: „Wo glaubst du, bist du niedergestochen worden?“ Anschließend sagt sie zu einem ihrer Kollegen: „Das müssen wir wohl überprüfen, oder?“ Erst dann rufen die Polizisten einen Krankenwagen und beginnen auch selbst mit Wiederbelebungsversuchen. Zu diesem Zeitpunkt reagiert der 18-Jährige bereits nicht mehr.
Der Tod und die Folgen
Mittwoch, 3. Dezember, 00:37 Uhr – Henry Nowak wird für tot erklärt. Ein Arzt wird mit einem Rettungshubschrauber zum Tatort geflogen. Er sagt vor Gericht aus, es „konnte nichts mehr unternommen werden, um Henry zu retten“, da dessen Verletzungen zu schwerwiegend waren. Am 4. Dezember um 00:37 Uhr wird Henry Nowak noch am Tatort für tot erklärt. Um 23:55 Uhr wird Vickram Digwa festgenommen, obwohl er die Tat vehement dementiert. Im Gegensatz zu Henry Nowak werden ihm keine Handschellen angelegt. Das Videomaterial der Festnahme wurde bislang nicht veröffentlicht.
Robert France, der stellvertretende Polizeipräsident des betreffenden Polizeikorps, entschuldigte sich vergangene Woche für das Vorgehen seiner Beamten. Gegen die Polizeibehörde von Hampshire und der Isle of Wight laufen nun Ermittlungen der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde (Independent Office for Police Conduct – IOPC) im Zusammenhang mit der Festnahme Henry Nowaks. Gegen die beteiligten Beamten wurden bislang noch keine disziplinarrechtlichen Maßnahmen ergriffen.



