Iran: Verzweiflung der Bevölkerung wächst
Die Lage der Menschen im Iran wird immer verzweifelter. In den vergangenen Tagen haben SPIEGEL-Reporter mit Iranerinnen und Iranern gesprochen, die von einer hoffnungslosen Situation berichten. Eine Rentnerin aus dem Zentraliran erklärte, dass die Waffenruhe zwischen der Führung und den USA ihr ebenso große Angst mache wie der Krieg selbst. „Sobald es dunkel wird, verkriechen sich die Leute in ihren Wohnungen“, sagte sie. Ein Übersetzer aus Teheran berichtete, dass Lebensmittel aufgrund der Inflation kaum noch bezahlbar seien. Eine Journalistin aus der Hauptstadt äußerte wenig Hoffnung auf einen Machtwechsel: „Alles ist wie eingefroren: die Wirtschaft, die soziale Lage, die politische Situation.“
Vor zwei Monaten begann US-Präsident Donald Trump den Krieg gegen Iran und versprach den Menschen Hilfe. Doch in Washington ist von den Iranern längst keine Rede mehr. Es könnte sein, dass Trump sich mit den Mullahs auf einen Deal einigt, auch wenn die Verhandlungen derzeit auf Eis liegen. Ein rascher Machtwechsel in Teheran, wie Trump ihn lange propagierte, scheint jedoch unwahrscheinlich. Die Menschen im Iran begreifen zunehmend, dass sie bald allein sein werden mit einem Regime, das militärisch geschwächt, aber politisch gefestigt und radikalisiert ist und jede Form von Widerstand mit barbarischer Gewalt unterdrückt.
König Charles III. als diplomatische Wunderwaffe
König Charles III. ist bereits seit gestern in Washington. Sein wichtigster Termin steht heute an: Er spricht vor dem US-Kongress. Das letzte Mal, dass ein britisches Staatsoberhaupt diese Ehre zuteilwurde, war vor 35 Jahren, als Königin Elizabeth II., die Mutter von Charles, vor den Abgeordneten und Senatoren sprach. Für den britischen Premierminister Keir Starmer ist der König eine Art diplomatische Wunderwaffe. Er soll das Verhältnis zu Donald Trump kitten, das durch Starmers skeptische Haltung gegenüber dem Irankrieg gelitten hat. Charles muss in Washington einen schwierigen Balanceakt vollführen: Viele Briten sehen den amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran kritisch und erwarten mahnende Worte von ihrem König. Hinzu kommt der Fall Epstein, der bereits zu Charles‘ Bruder Andrew führte und nun auch Starmer gefährdet. Der Premier hatte Peter Mandelson zum US-Botschafter gemacht, der eng mit Epstein verbunden war. Am Tag von Charles‘ Auftritt muss Starmers ehemaliger Stabschef Morgan McSweeney im Parlament zur Mandelson-Berufung aussagen.
Gefährliche Ignoranz im Sahel
Im vergangenen Herbst blickte die Welt kurz auf den Sudan, als die Miliz Rapid Support Forces (RSF) die Stadt Faschir in Darfur einnahm und dabei grausame Kriegsverbrechen beging. Tausende Menschen wurden getötet, Zehntausende flohen. Die internationale Gemeinschaft versprach, dem Morden Einhalt zu gebieten, unternahm aber wenig. Inzwischen kämpfen die Konfliktparteien vor allem in den Kordofan-Regionen, und es drohen erneute Verbrechen. Dennoch ist eine Intervention unwahrscheinlich. Sudan liegt am Rande der Sahel-Zone, einer Region, für die sich der Westen nur begrenzt interessiert. In Mali sind Dschihadisten auf dem Vormarsch, haben den Verteidigungsminister getötet und könnten die Hauptstadt Bamako einnehmen. Die Europäer nehmen dies weitgehend gleichgültig hin. Diese Ignoranz ist moralisch falsch und politisch gefährlich, denn Krisen im Sahel bleiben selten auf die Region begrenzt.
Gewinner des Tages: Olaf Scholz
Altbundeskanzler Olaf Scholz, der im Bundestag ein Schattendasein fristet, wird in New York mit der Leo-Baeck-Medaille für seine Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland geehrt. Laudator ist Antony Blinken, US-Außenminister unter Joe Biden.



