Historikerverband warnt vor Renationalisierung der Erinnerung
Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hat einen alarmierenden Trend zur Renationalisierung der Erinnerungskultur in Europa ausgemacht. In einer aktuellen Stellungnahme betont der VHD, dass diese Entwicklung die gemeinsame europäische Geschichtsbetrachtung gefährde und zu einer verzerrten Wahrnehmung historischer Ereignisse führe.
Gefahr für die europäische Verständigung
Die Renationalisierung der Erinnerung, so der VHD, sei ein Rückschritt für die europäische Integration. Statt einer gemeinsamen, kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit würden nationale Narrative wieder stärker betont. Dies untergrabe das gegenseitige Verständnis und die Versöhnung, die nach den Weltkriegen mühsam aufgebaut wurden.
Besonders besorgniserregend sei, dass politische Akteure in mehreren EU-Staaten die Geschichte für nationale Zwecke instrumentalisieren. Der VHD fordert daher eine Rückbesinnung auf eine transnationale Erinnerungskultur, die die Komplexität der Geschichte anerkennt und nationale Mythen entlarvt.
Historiker warnen vor Verzerrung
Die Wissenschaftler kritisieren, dass die Renationalisierung oft mit einer selektiven Wahrnehmung der Geschichte einhergehe. So würden etwa Verbrechen des eigenen Landes ausgeblendet, während die Opferrolle betont werde. Dies führe zu einer Verzerrung der historischen Wahrheit und schüre nationale Vorurteile.
Der VHD ruft daher dazu auf, die Erinnerungskultur wieder stärker an wissenschaftlichen Standards auszurichten. Nur so könne die Geschichte in ihrer ganzen Vielschichtigkeit verstanden werden. Die Historiker betonen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Grundlage für eine demokratische und offene Gesellschaft bilde.
Appell an die Politik
Der Verband appelliert an die Politik, die Unabhängigkeit der Geschichtswissenschaft zu respektieren und nicht für nationale Zwecke zu vereinnahmen. Stattdessen solle die europäische Zusammenarbeit in der historischen Forschung gestärkt werden. Der VHD bietet an, gemeinsam mit politischen Entscheidungsträgern Konzepte für eine zukunftsfähige Erinnerungskultur zu entwickeln.
Die Stellungnahme des VHD kommt zu einem Zeitpunkt, an dem in mehreren europäischen Ländern nationalistische Strömungen erstarken. Der Verband sieht darin eine Gefahr nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern für die demokratische Grundordnung insgesamt. Eine offene und kritische Erinnerungskultur sei ein Bollwerk gegen Populismus und Nationalismus.
Hintergrund: Der Historikerverband
Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands vertritt die Interessen der Geschichtswissenschaft in Deutschland. Er setzt sich für die Freiheit der Forschung und Lehre ein und fördert den wissenschaftlichen Austausch. Mit seiner Stellungnahme zur Renationalisierung der Erinnerung greift der VHD eine aktuelle Debatte auf, die weit über die Fachgrenzen hinausreicht.



