Hamburg – Wo ist der Chef? An Deutschlands wichtigster Kaderschmiede für Generäle und Admiräle soll diese Frage immer häufiger gestellt worden sein. Denn Konteradmiral Ralf Kuchler (56), der Leiter der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Nienstedten, war auf dem Campus nach Schilderungen Beteiligter oft abwesend oder unsichtbar. Nach BILD-Informationen wird inzwischen sogar intern gegen ihn ermittelt.
Das Phantom der Akademie
„Das Phantom“ hieß der Zwei-Sterne-General relativ schnell, nachdem er im August 2023 die Leitung der Führungsakademie übernommen hatte. Der Grund: Der Mann, der als Vorbild künftiger Offiziere dienen soll, war in den ersten eineinhalb Jahren seiner Dienstzeit an der Akademie kaum greifbar. Und das bei einer Besoldungsstufe von B7 (rund 12.000 Euro/Monat). So soll er im Sommer 2024 rund acht Wochen und im Sommer 2025 rund sieben Wochen gefehlt haben – jeweils einschließlich seines Jahresurlaubs. Über die Vorgänge hatte das Portal „The Pioneer“ zuerst berichtet.
Wichtige Termine versäumt
Auch wichtige Termine ließ der Admiral aus: Bei der Nato-Konferenz der Leiter militärischer Ausbildungsstätten in Athen im Mai 2025 ließ er sich vertreten. „Das ist das große Klassentreffen der Top-Leute“, sagt ein Insider zu BILD. „Da darf man nicht fehlen.“ Zudem blieb er offenbar regionalen und nationalen Informationstagen der internationalen Lehrgänge fern – auch da ist für den Chef eigentlich Anwesenheitspflicht. Begründungen für die hohen Fehlzeiten? Kuchler soll intern geäußert haben, er sei alleinerziehend, leide zudem unter einer Rückenerkrankung.
Interne Ermittlungen zum Dienstwagen und Fahrer
Die internen Ermittlungen soll nach Informationen von BILD aber etwas anderes ausgelöst haben. Mehrfach soll Kuchler ein Dienstfahrzeug für private Termine genutzt haben – unter anderem bei seinem Umzug von Berlin nach Norddeutschland für den Transport privater Gegenstände. Geprüft wird außerdem, ob von seinem Fahrer Fahrdienstzeiten abgerechnet wurden, obwohl der Admiral im Homeoffice oder anderweitig verhindert gewesen sein soll. Unklar ist, ob Kuchler von möglichen Unregelmäßigkeiten wusste oder in die Vorgänge eingebunden war.
Brandbrief von Generalinspekteur Breuer
Im Verteidigungsministerium war schon länger bekannt, dass Kuchler sich zumindest fragwürdig verhielt. Doch erst im Sommer 2025 soll Generalinspekteur Carsten Breuer persönlich eingeschritten sein. Laut „Pioneer“ schrieb Deutschlands ranghöchster Soldat dem Akademie-Chef einen Brief. Darin habe Breuer deutlich gemacht, dass die angemessene Anwesenheit eines Kommandeurs an einer herausgehobenen Dienststelle wie der Führungsakademie „unabdingbar“ sei. Die Gardinenpredigt war erfolgreich: Seither sei Kuchler wie verwandelt und zeige deutlich mehr Präsenz, berichten Mitarbeiter.
Wechsel nach Bonn – Querverschiebung oder Quittung?
Weitere Konsequenzen gab es für ihn indes nicht. In wenigen Tagen soll er ganz regulär von der Führungsakademie zum Unterstützungskommando in Bonn wechseln und dort Leiter des Stabes werden. Ein Aufstieg ist das nicht, sondern eine „Querverschiebung“, wie es im Fachjargon über Wechsel ohne Beförderung heißt. Einige werten dies als Quittung für sein Verhalten an der Akademie. Kuchler war von 2021 bis 2023 Büroleiter des Generalinspekteurs im Verteidigungsministerium.
Keine Stellungnahme zu den Vorwürfen
Auf eine Anfrage von „The Pioneer“ zu den Vorwürfen wollte er sich nicht äußern. Auch das Verteidigungsministerium wollte sich auf BILD-Anfrage „aus Gründen des Datenschutzes und zur Wahrung des Persönlichkeitsrechts“ grundsätzlich nicht zu den Vorwürfen äußern. Es gilt die Unschuldsvermutung.



