Vogel-Masturbation: Studie widerlegt alten Irrtum
Vogel-Masturbation: Studie widerlegt alten Irrtum

Wenn Papageien sich an Sitzstangen reiben oder Sittiche auffällig oft bestimmte Gegenstände aufsuchen, wirkt das auf viele Halterinnen und Halter zunächst befremdlich. Unter Vogelkennern aber ist das Verhalten längst bekannt: Viele Vögel masturbieren. Lange wurde diese Selbstbefriedigung als Nebeneffekt der Gefangenschaft verstanden – als Ausdruck von Langeweile, Stress oder fehlender Paarungsmöglichkeit.

Neue Studie stellt alte Annahmen infrage

Eine neue Studie stellt diese Annahme nun infrage. Forschende um die Evolutionsökologin Chloe Heys von der University of Lancashire haben Berichte über Selbstbefriedigung bei Vögeln ausgewertet und kommen zu einem klaren Befund: Offenbar sagt das Verhalten weniger über Käfige aus, als lange vermutet wurde – und mehr über die Sexualität der Tiere selbst.

Selbstbefriedigung bei Vögeln: Was die neue Studie untersucht hat

Für die im Fachjournal „Ecology and Evolution“ veröffentlichte Untersuchung sammelten Heys und ihr Team Daten aus mehreren Quellen. Sie befragten Vogelfachleute, Züchterinnen, Halter und Mitglieder einschlägiger Online-Communitys. Diese Berichte verglichen sie anschließend mit Beobachtungen aus der wissenschaftlichen Literatur. So entstand ein Datensatz zu 120 Vogelarten – darunter Papageien, Enten, Truthähne, Hühner und Kiebitze. Die Tiere lebten teils in menschlicher Haltung, teils in freier Wildbahn. Genau dieser Vergleich war entscheidend. Denn die Studie ging einer alten Vermutung nach: Masturbieren Vögel, weil sie eingesperrt sind? Oder gehört das Verhalten schlicht zu ihrem natürlichen Repertoire?

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Vogel-Masturbation: Was Papageien, Sittiche und Enten gemeinsam haben

Die Antwort der Studie fällt deutlich aus. Das Verhalten sei keineswegs auf Käfige, Volieren oder Haustiere beschränkt, heißt es in der Untersuchung. Im Gegenteil: In den ausgewerteten Berichten tauchte es in freier Wildbahn sogar häufiger auf als in Gefangenschaft. Damit spricht vieles dafür, dass Selbstbefriedigung bei Vögeln nicht bloß eine Ersatzhandlung ist, sondern zu ihrem normalen Verhaltensrepertoire gehört.

Besonders häufig wird Masturbation bei Papageien und Sittichen beschrieben. Das dürfte auch daran liegen, dass diese Arten oft als Haustiere gehalten werden und Menschen ihr Verhalten deshalb genauer beobachten. Doch die Studie zeigt, dass das Phänomen weit über Wohnzimmer und Volieren hinausreicht. Auch Enten, Hühner, Truthähne und sogar Kiebitze tauchen in den Berichten auf.

Dabei sind nicht nur Männchen beteiligt. Zwar erwähnten etwas mehr Beobachtungen männliche Tiere, doch Weibchen waren keineswegs ausgenommen. Männliche Vögel reiben sich den Berichten zufolge oft kräftig an Sitzstangen, Spielzeug, Ästen oder auch an Hand, Fuß oder Schulter ihrer Halter. Weibchen hingegen heben häufig den Schwanz und setzen sich auf passende Gegenstände. Mitunter werde das Verhalten von Flügelschlagen oder ungewöhnlichen Lauten begleitet, sagt Heys. Sie selbst habe einen Nymphensittich gehalten, der regelmäßig masturbiert habe. „Wenn man jemals gesehen hat, wie ein Vogel masturbiert, weiß man ganz genau, was dieser Vogel gerade tut“, sagte Heys dem „Guardian“.

Vogelverhalten: Warum Masturbation kein Warnsignal sein muss

Der Befund ist deshalb interessant, weil er eine hartnäckige Deutung ins Wanken bringt. Historisch, so Heys, hätten Forschende oft angenommen, Vögel masturbierten entweder gar nicht oder nur als Folge der Gefangenschaft. Die neue Datensammlung spricht dagegen. „Unser wichtigstes Ergebnis ist, dass Masturbation keine negative Reaktion auf die Haltung in Gefangenschaft ist“, sagte Heys dem „Guardian“. Vielmehr handle es sich um ein verbreitetes, gesundes Verhalten, das zur Sexualität von Vögeln gehöre. Die Studie fordert deshalb einen gelasseneren Blick auf ein Thema, das viele Halterinnen und Halter noch immer verunsichert.

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Problematisch wird es vor allem dann, wenn Menschen aus Unsicherheit zu stark eingreifen. In der Vergangenheit wurde Halterinnen und Haltern teils geraten, Spielzeug oder Sitzstangen zu entfernen oder bestimmte Berührungen zu vermeiden. In extremen Fällen seien Vögel sogar mit Medikamenten oder Hormonen behandelt worden, sagte Heys. Es habe Fälle gegeben, in denen Tiere operativ kastriert worden seien. Das nannte sie „blanken Wahnsinn“. Tierärztinnen und Tierärzte, so die Forschenden, sollten besorgte Halter daher eher beruhigen als eingreifen. Nicht jedes Verhalten, das Menschen befremdet, ist für Tiere problematisch. Manchmal ist nicht der Vogel das Rätsel. Manchmal ist es der menschliche Blick, der aus Natur ein Symptom macht.