Victor Willis, der Sänger und Songschreiber der legendären Disco-Gruppe Village People, ist am Montag im Alter von 74 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Der gebürtige Texaner wurde vor allem durch den Welthit „Y.M.C.A.“ bekannt, der sich zu einer inoffiziellen Hymne der Schwulenbewegung entwickelte – sehr zum Missfallen von Willis, der zeitlebens bestritt, dass der Song homoerotische Inhalte habe.
Von der Schwulendisco ins Weiße Haus
„Y.M.C.A.“ erlebte in den vergangenen Jahren eine kuriose Renaissance: Der ehemalige und wiedergewählte US-Präsident Donald Trump machte den Song zu einem festen Bestandteil seiner Wahlkampfveranstaltungen. Trump, der mit seinen kleinen Fäusten boxend und hüftschwingend zum Refrain „hang out with all the boys“ tanzte, begeisterte damit seine Anhänger, die nicht gerade für LGBTQI-Freundlichkeit bekannt sind. Willis, ein erklärter Demokrat, hatte Trump während dessen erster Kampagne noch die Nutzung des Songs untersagt, später aber eingewilligt. Unter Trump schaffte es „Y.M.C.A.“ vor zwei Jahren sogar für sechs Wochen an die Spitze der US-Charts.
Ein Missverständnis als Marketingstrategie
Der Erfolg der Village People beruhte auf einer brillanten Idee des französischen Produzentenduos Jacques Morali und Henri Belolo. Sie suchten 1977 in einer New Yorker Schwulendisco nach Darstellern für ihre Band und fanden Männer in Leder-, Polizei- und Bauarbeiter-Outfits. Die schwule Community sollte Sichtbarkeit erhalten, erklärten Morali und Belolo 1978 dem „Rolling Stone“. Willis, der als Einziger tatsächlich Sänger war, schien von dieser Absicht nichts gewusst zu haben – oder wollte es nicht wahrhaben.
Vom Gospelchor zur Disco-Ikone
Victor Willis wurde 1951 in Dallas, Texas, als Sohn eines Baptistenpredigers geboren und wuchs in San Francisco auf. Erste musikalische Erfahrungen sammelte er im Gospelchor seines Vaters. Als Teenager spielte er mit seiner Soulband The Ballads im Vorprogramm der Temptations. Später zog er nach New York, wo er Mitglied der Negro Ensemble Company wurde und eine Hauptrolle in der Broadway-Produktion des Musicals „The Wiz“ spielte. 1976 entdeckte ihn Jacques Morali.
Die Rechte an den Songs zurückerobert
Nach seinem Ausstieg bei den Village People 1980 verlief Willis‘ Solokarriere erfolglos; er kämpfte mit Drogenproblemen. 2015 erstritt er sich vor Gericht die Co-Autorenrechte an 13 Songs der Village People zurück. Danach gründete er eine neue Band mit jüngeren Musikern, während die anderen Originalmitglieder als Kings of Disco weitermachten. Seinen letzten großen Auftritt hatte Willis bei Trumps Amtseinführung im Januar 2025 – für viele ein Tiefpunkt, für andere ein Höhepunkt seiner Karriere.
Ein Song, der alle verbindet
Die Disco-Ära endete abrupt mit der „Disco Demolition Night“ am 12. Juli 1979, als Tausende Schallplatten in einem Baseballstadion gesprengt wurden. Ironischerweise ist „Y.M.C.A.“ heute das musikalische Thema in den Halbzeitpausen der New York Yankees. Victor Willis kann sich rühmen, mit seiner Musik Menschen aller politischen und kulturellen Überzeugungen vereint zu haben – von Schwulenaktivisten über Fußballfans bis hin zu Donald Trump.



