Theater-Experiment auf Usedom: Publikum diskutiert das Recht auf selbstbestimmtes Sterben
Ein brisantes Thema, zu dem viele Menschen vermeintlich klare Positionen haben, erfährt durch Ferdinand von Schirachs Stück Gott an der Vorpommerschen Landesbühne eine faszinierende Wendung. Das Theater-Experiment verwandelt die Zuschauer in aktive Teilnehmer einer hochkomplexen Debatte über das Recht auf Unterstützung bei selbstbestimmtem Sterben.
Interaktives Theater als Diskurs-Plattform
Hinter der scheinbar einfachen Frage Wem gehört unser Leben? verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit einem der kontroversesten Themen unserer Zeit. Die Vorpommersche Landesbühne bereichert ihr Repertoire mit diesem außergewöhnlichen Experiment, bei dem das Publikum nicht nur zuschaut, sondern zum Votum aufgefordert wird. Die Inszenierung von Maya Franke nutzt Schirachs literarisches Talent meisterhaft, um vermeintlich klare Positionen aus immer neuen Perspektiven zu beleuchten und sicher geglaubte Haltungen infrage zu stellen.
Szenario einer ethischen Verhandlung
Als Ausgangspunkt dient eine fiktive Verhandlung des Deutschen Ethikrats über den Todeswunsch der 70-jährigen Helene Gärtner. Der Witwe wird das für einen assistierten Suizid benötigte Medikament verweigert, obwohl sie nach dem Tod ihres Mannes keinen Sinn mehr in ihrem bisher erfüllten Leben findet. Ich will sterben, beharrt sie und betont, ihre Entscheidung sei weder amoralisch noch egoistisch.
Das Stück erörtert die Hintergründe und Nuancen von Sterbehilfe aus drei zentralen Perspektiven:
- Juristische Sicht: Die Rechtslage, die keine Pflicht zu leben vorsieht
- Medizinische Ethik: Die Frage nach den Folgen eines möglichen Dammbruchs
- Theologische Betrachtung: Der christliche Glaube, der den Sinn des Lebens einer höheren Bestimmung zuschreibt
Schauspielerische Höchstleistung und sachliche Debatte
Maximilian Sterba in der Rolle des beharrlich bohrenden Anwalts Biegler bringt die Fragen vieler Menschen auf den Punkt und treibt seine Dialogpartner in die Defensive. Die besondere Qualität des Stücks liegt jedoch nicht darin, vordergründig Partei zu ergreifen, sondern die verschiedenen Positionen betont sachlich auszuloten. Gerade der Punkt, welchen Wert ein Leben hat und wer darüber urteilen darf, entwickelt sich zum Knackpunkt der gesamten Debatte.
Offene Fragen statt einfacher Antworten
Was uns ausmacht, ist, dass wir nie endgültig wissen, was richtig oder falsch ist, folgert Anwalt Biegler und plädiert für einen friedlichen Dissens – die Akzeptanz verschiedener Meinungen in einer Frage, in der schwerlich Einigkeit zu erzwingen sei. Die Inszenierung gelingt es, die eigentlich statische, dialoglastige Konstellation mit Spannung zu füllen, unterstützt durch die Bühnengestaltung von Peter Sommerer, in der sich nüchterne Sitzquader in sphärische Höhen fortsetzen.
Publikumsreaktion und weitere Vorstellungen
Am Premierenabend fiel die Zuschauer-Abstimmung mit gut 90 Prozent deutlich zugunsten ärztlich assistierter Suizide aus. Minutenlanger Applaus bezeugte die Wirkung eines Abends, der sein Publikum nicht mit fertigen Antworten entlässt, sondern zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema ermutigt. Weitere Vorstellungen von Gott finden am 25. Februar und 18. März im Gelben Theater Blechbüchse in Zinnowitz sowie am 10. und 12. März und 16. April im Theater Anklam statt.



