Tribute-Boom in der Seenplatte: Warum Cover-Bands die Region erobern
Wenn Genesis nach Neustrelitz, Michael Jackson und Tina Turner nach Neubrandenburg oder die Rolling Stones nach Waren kommen, ist das kein Zeitsprung, sondern ein aktueller Trend. Tribute-Konzerte, bei denen Bands die Musik ihrer großen Vorbilder spielen, erleben in der Seenplatte einen regelrechten Boom. Dieser Trend beschert den Veranstaltern volle Kalender und stabile Ticket-Einnahmen.
Von Elvis bis Queen: Ein vollgepackter Veranstaltungskalender
Allein in Neubrandenburg tummeln sich in den nächsten Wochen zahlreiche Tribute-Shows. In der Konzertkirche und im HKB stehen „Elvis lebt“ am 21. März, „One Night of MJ“ als Hommage an Michael Jackson am 27. März, „The Music of Queen“ am 29. März und „Tina - The Rock Legend“ am 10. Mai auf dem Programm. Später im Jahr folgen Cover-Bands wie Creedence Clearwater Revived am 29. Mai, die Dire Strats am 4. September und die lokalen Stars der Magical Mystery Band.
Im Bürgersaal Waren ist bei „Typically Tina“ am 19. März ebenfalls Tina Turner zu erleben, bei Bonhson am 11. September der Hardrock von AC/DC. Für das nächste Jahr ist bereits „The Rolling Stones Story“ angekündigt. Das Neustrelitzer Theater plant im Sommer auf der Freilichtbühne der Festspiele im Schlossgarten neben vier Wochen Operette jeweils ein Tribute-Gastspiel. Nach Queen-, ABBA- und Udo-Jürgens-Shows kommt in diesem Jahr „The Genesis & Phil Collins Tribute Show“ am 26. Juli in die Residenzstadt.
Emotionale Erinnerungen und generationenübergreifende Feste
Dass Tribute-Shows so erfolgreich sind, hat mehrere Gründe. Melanie Jendro, Geschäftsführerin des Veranstaltungszentrums Neubrandenburg (VZN), erklärt: „Musik, die Menschen in prägenden Lebensphasen begleitet hat, trifft einen sehr emotionalen Kern.“ Wenn die Originalkünstler live nicht mehr zu erleben sind oder nur in Metropolen mit teuren Tickets, können Fans in Tribute-Shows deren Musik wohnortnah und zu überschaubaren Konditionen genießen.
Mittlerweile haben sich Agenturen und Konzertveranstalter gezielt auf solche Formate spezialisiert, teilweise mit aufwendigen Inszenierungen. Ein Vorteil für Gastgeber: „Tribute-Shows sind sehr flexibel einsetzbar“, so Jendro. Von bombastischen Produktionen bis zu Konzerten mit wenigen Musikern funktionieren sie in großen wie kleineren Häusern. Zu den gefragtesten Formaten zählen Queen- und ABBA-Shows, die auch das VZN in diesem Jahr im Programm hat.
Intendant Sven Müller von der Theater- und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz (tog) ist begeistert von der generationenübergreifenden Wirkung: „Bei ABBA habe ich erlebt, wie im Publikum drei Generationen miteinander gute Laune hatten und tanzten.“ Musik, die man in seiner Jugend liebt, begleite einen positiv durch das ganze Leben, was wissenschaftlich belegt sei. So feiern Fans des Originals diese Musik mit ihren Nachkommen, die erleben, was Eltern und Großeltern einst begeisterte.
Musikalische Inspiration und kreative Freiheit
Der Neubrandenburger Musiker Bert Wenndorff beschreibt die Faszination aus zweierlei Perspektiven. Aus Sicht des Publikums seien immer weniger der großen Helden original zu erleben, doch das Publikum wolle deren Musik nicht nur auf Platten hören. Filme wie „Bohemian Rhapsody“ brächten sie auch jüngeren Zuhörern näher.
Für Musiker sei die Faszination ebenso tief: „Ziemlich jeder Gitarrist, der zum ersten Mal das Gitarrensolo von ‚Comfortably Numb‘ von Pink Floyd hört, wird Lust haben, das auch zu spielen“, sagt Wenndorff. Ähnliches gelte für Klavierspielerinnen bei Elton John oder Billy Joel und Sänger bei Tina Turner oder Freddie Mercury.
Wenndorff selbst wurde durch das Spielen in der Deep-Purple-Tribute-Band „Stormbringer“ kreativ beflügelt und verbesserte seine Fähigkeiten als Keyboarder. Als Gründungsmitglied der Magical Mystery Band, die 2004 mit Beatles-Musik startete und später Pink Floyd hinzufügte, wählte man bewusst einen anderen Ansatz: „Wir wollten die Songs spielen, die die Beatles selbst live nicht mehr gespielt hatten, die aber als Meisterwerke gelten.“ Statt optischer Authentizität wolle man den Spirit der Bands einfangen und musikalisch am Original bleiben, ansonsten eine eigene Band sein.
Für die Zukunft könnte sich Wenndorff ein Elton-John-Projekt vorstellen, betont aber: „Dann ist’s auch genug.“ Mit eigener Musik ist er in der ProgRock-Band „Dawnation“ unterwegs, und die Magical Mystery Band tritt am 28. November wieder in der Konzertkirche auf.
Neben Tribute-Shows: Auch Originale im Programm
Abseits des Tribute-Trends sind auf den Konzertbühnen der Region natürlich auch zahlreiche Originale zu erleben. In Neubrandenburg stehen Karat am 10. und 11. April, Nazareth am 28. März, Heino am 17. April und Gitte Haenning am 30. April auf dem Programm. In Waren sind beispielsweise Heinz Rudolf Kunze am 28. August oder Stern Meissen am 18. September zu Gast. Die Vielfalt des Musikangebots in der Seenplatte bleibt somit erhalten, wobei Tribute-Shows einen festen Platz im Kulturkalender erobert haben.



