Palast der Republik: Ein DDR-Monument wird 50 Jahre alt
Viele DDR-Bürger staunten nicht schlecht, als sie im April 1976 erstmals den nagelneuen Palast der Republik in Ost-Berlin betraten. Ein Marmorboden, bequeme Sitzgruppen, kunstvolle Pflanzenarrangements, große Gemälde an den Wänden und eine fünf Meter hohe gläserne Blume in der Mitte ließen sie fast ungläubig durch die Hallen wandeln. Ihr Blick richtete sich auch nach oben, wo über dem riesigen Foyer ein Meer von fast 10.000 Kugelleuchten Licht spendete – eine Inspiration für die bald gängige Bezeichnung „Erichs Lampenladen“.
Ein Prestigeprojekt mit kupferbrauner Fassade
Der Palast, dessen markante, kupferbraun spiegelnde Fassade aus belgischem Thermoglas schnell das Stadtbild prägte, war ein Prestigeprojekt des SED- und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Die Reste des Hohenzollern-Stadtschlosses waren bereits 1950 gesprengt worden. An seiner Stelle hatten Tausende Arbeiter in nur 32 Monaten Bauzeit den Palast hochgezogen – eine Art Volkshaus für Begegnung, Kultur, Entertainment, Essen und Trinken.
Die Kosten waren immens, und an Material fehlte es ganz im Gegensatz zu anderen DDR-Baustellen nicht. „Kein Zweifel, Arbeiter und Ingenieure haben sich bei diesem Bauwerk große Mühe gegeben. Die Verarbeitung ist ordentlich und anständig“, schwärmte damals selbst ein Korrespondent des West-Fernsehens.
„Manhattan“ für 3,55 Mark und kulturelle Highlights
Die Menschen nahmen den Palast dankbar an. Nach der Eröffnung am 23. April 1976, die politischer Prominenz und den Erbauern vorbehalten war, strömten die Besucher hinein. Es gab eine Bowlingbahn, ein Theater, einen großen Konzert- und Veranstaltungssaal sowie eine Disko mit drehbarer Tanzfläche. Raum für Kunst war vorhanden, dazu 13 gastronomische Einrichtungen. Darunter waren Restaurants oder die gut sortierte Foyer-Bar, in der ein „Manhattan“ 3,55 Mark kostete. In der schicken Milchbar mit Spreeblick wurden Eisbecher flambiert.
Wer immer in der damaligen Hauptstadt der DDR lebte oder zu Besuch kam – der Palast war ein festes Ziel. Begehrt waren Konzerte mit der Crème de la Crème der DDR-Musik und Auftritte von Weststars wie Tangerine Dream oder Carlos Santana. Panikrocker Udo Lindenberg durfte 1983 bei einem Konzert für den Frieden auftreten – vor ausgesuchtem Publikum. Zudem tagten im Palast die DDR-Volkskammer und die SED-Jubelparteitage.
„Mit dem Palast wurde eine Art sozialistische Wohlstandsgesellschaft inszeniert, man konnte die Alltagsprobleme hinter sich lassen“, sagt der Historiker und DDR-Forscher Stefan Wolle. Selbst die Telefonzellen funktionierten immer – in der DDR keine Selbstverständlichkeit. „Das Ziel der SED, eine Einheit von Volk und Partei zu zeigen, wurde damals erreicht.“
Sterben auf Raten und Asbestbelastung
In der Wendezeit 1989/90 avancierte der Palast der Republik zu einem Ort der Geschichte, ehe sein Sterben auf Raten eingeläutet wurde. Zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 stieß Honecker mit seinen Gästen bei einem Festakt im Inneren mit Sekt an, während draußen Demonstranten im Angesicht von Volkspolizei und Stasi Freiheit und Reformen forderten.
Bei der ersten und letzten freien Wahl in der DDR am 18. März 1990 wurde der Palast zum Medienzentrum, TV-Stationen aus aller Welt berichteten. Die neue Volkskammer hatte die Aufgabe, sich selbst abzuschaffen und den Weg zur Wiedervereinigung zu ebnen. Am 23. August 1990 beschloss sie im Palast den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik mit Wirkung zum 3. Oktober. Die DDR-Staatswappen an der Fassade und im Plenarsaal waren da längst demontiert.
Die am 19. September 1990 geplante Volkskammersitzung fand nicht mehr im Palast statt: Der DDR-Ministerrat ordnete an, das gesamte Gebäude wegen Asbestbelastung zu schließen. Mehr als 700 Tonnen waren beim Bau aus Brandschutzgründen zur Ummantelung der Stahlträger verwendet worden. „Als der Palast geschlossen wurde, war mir klar, dass er abgerissen wird“, erinnert sich Kellner Roland Pröh in der RBB-Doku „Palast der Republik – Honeckers Traum aus Marmor und Asbest“.
Abriss und heutige Erinnerung
Genau so kam es: Nach langem Hin und Her, nach Asbestsanierung, in deren Folge nur noch eine Art Rohbau stand, nach Kunstprojekten, Protesten und Diskussionen über Alternativen beschloss der Bundestag 2002 den Palast-Abriss und die Rekonstruktion des Stadtschlosses.
Obwohl der Palast nur 14 Jahre, 4 Monate und 27 Tage offen hatte, verbinden viele Menschen mit ihm auch heute persönliche Erinnerungen – vielleicht gemischt mit einem Schuss Ost-Nostalgie. „Der Palast ist ein Symbol der DDR-Erinnerung, gerade weil er verschwunden ist“, sagt Historiker Wolle.
Kontroverse um den Abriss
Bis heute hält sich die These, Asbest sei nicht der eigentliche Grund für den Abriss gewesen, vielmehr habe man ein Stück DDR-Geschichte tilgen wollen. „Das ist Unsinn“, sagt Berlins früherer Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Entscheidender Punkt sei die hohe Asbestbelastung gewesen. Ein Festhalten am Palast wäre teurer geworden als ein Neubau an seiner Stelle.
„Dass der Palast der Republik in hohem Maße asbestbelastet war, ist unstrittig und war der Grund für seine Schließung vor der Wiedervereinigung“, sagt auch der Generalintendant des Humboldt Forums, Hartmut Dorgerloh. Indes habe nach der Wiedervereinigung das bauliche Erbe der DDR keine größere öffentliche Wertschätzung erfahren. Auch sei die überwiegend hohe Identifikation vieler Menschen mit dem Palast der Republik nicht erkannt und anerkannt worden.
Dorgerlohs 2020/2021 eröffnetes Haus macht heute in der Hülle des Schlosses Weltgeschichte erlebbar. Verteilt an verschiedenen Stellen sind auch Originale aus dem Palast der Republik zu sehen. Dazu gehören Designobjekte wie das Wegeleitsystem, ein Monitor der Stasi, ein Wandrelief und andere Kunstwerke.



