Kunst-Krimi: Ist dieser vermeintliche van Eyck eine Fälschung oder harmlose Nachahmung?
Kunst-Krimi: van Eyck-Fälschung oder harmlose Nachahmung?

Kunst-Krimi: Das Rätsel um den falschen van Eyck

Auf den ersten Blick könnte dieses Porträt eines Mannes mit rotem Hut direkt aus dem 15. Jahrhundert stammen – eine Arbeit des berühmten nordeuropäischen Malers Jan van Eyck. Doch hier gibt es einen entscheidenden Haken: Das kleine Bild mit den Maßen 24,6 × 18,4 Zentimeter ist rund 500 Jahre zu jung für ein echtes Werk des Meisters.

Ein echter van Eyck wäre Millionen wert

Jan van Eyck, der zwischen etwa 1390 und 1441 in Brügge wirkte, gilt als bedeutendster Maler des nordeuropäischen Spätmittelalters. Ein authentisches Werk von ihm hätte einen immensen Wert. Zum Vergleich: Der echte „Mann mit rotem Chaperon“ aus den Jahren 1435/40 ist heute in der Berliner Gemäldegalerie zu bewundern.

Das besagte Bild wird jedoch aktuell vom Auktionshaus Sotheby’s in London in einer Online-Auktion angeboten – und zwar mit der korrekten Zuschreibung „Niederländische Schule, ca. 1900“. Das Limit liegt bei bescheidenen 8000 Euro. Kunstkenner fallen jedoch Details auf, die stutzig machen: Das Regal im Hintergrund und der Fensterausblick erinnern stark an andere Meister wie Hans Memling und Hans Holbein.

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Der Verdacht fällt auf einen bekannten Fälscher

Wer könnte hinter dieser Arbeit stecken? Kunsthistoriker Roland Krischel vom Wallraf-Richartz-Museum Köln hat eine konkrete Vermutung: „Angesichts von Vorgehensweise und gewählten Vorbildern würde ich auf Joseph Van der Veken als Maler tippen.“

Der Belgier Joseph „Jef“ Van der Veken (1872–1964) war eine zwielichtige Figur in der Kunstwelt: Ein begabter Restaurator, der gleichzeitig als Fälscher bekannt war. Seine Arbeiten waren so überzeugend, dass sogar Nazi-Oberbonze Hermann Göring einen seiner „Altmeister“ erwarb. Van der Veken beherrschte auch die Technik, typische kleine Risse in der Malschicht künstlich zu erzeugen – etwa indem man das frische Bild kurz in den Backofen schob.

Harmlose Nachahmung oder böse Fälschung?

Sotheby’s selbst vermeidet in der Beschreibung bewusst den Begriff Fälschung. George Gordon, der Altmeister-Spezialist des Auktionshauses, erklärt gegenüber Medien: „Es handelt sich nicht um eine hochwertige Fälschung, sondern – wie korrekt angegeben – um ein Pastiche.“

Ein Pastiche ist eine künstlerische Nachahmung, die verschiedene Elemente eines oder mehrerer Originalwerke imitiert, ohne dabei betrügerische Absichten zu verfolgen. Gordon sieht in dem Bild keine Täuschungsabsicht: „Es bedient vermutlich einen altmodischen Geschmack um 1900.“

Dennoch bleibt die Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen einer harmlosen Nachahmung und einer böswilligen Fälschung? Das Bild zeigt deutlich, wie schwierig diese Unterscheidung in der Praxis sein kann. Die kunsthistorische Debatte darüber, ob es sich um ein legitimes Pastiche oder doch um eine Fälschung handelt, ist damit eröffnet.

Ein faszinierendes Stück Kunstgeschichte

Unabhängig von der rechtlichen und ethischen Bewertung bietet dieses Gemälde einen spannenden Einblick in die Praxis der Kunstnachahmung um 1900. Es zeigt, wie sehr sich Künstler und Handwerker damals mit den Techniken und Stilen alter Meister auseinandersetzten – sei es aus Bewunderung, handwerklichem Interesse oder finanziellen Motiven.

Das kleine Porträt ist damit mehr als nur ein potenzieller Fake: Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das von der anhaltenden Faszination für die Alten Meister zeugt und die Grauzonen im Kunstbetrieb anschaulich macht. Ob als Pastiche oder Fälschung klassifiziert – es bleibt auf jeden Fall ein faszinierendes Stück Kunstgeschichte, das zum Nachdenken über Authentizität, Wert und Bedeutung von Kunstwerken anregt.

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