Siri Hustvedt über Trauer nach dem Krebstod ihres Mannes Paul Auster: Ein bewegendes Porträt
Hustvedt über Trauer nach Austers Tod: Ein bewegendes Porträt

Siri Hustvedt reflektiert über den Verlust ihres Lebensmenschen Paul Auster

Der Tod eines geliebten Menschen ist eine universelle Erfahrung, die niemand vermeiden kann. In dem neuen Dokumentarfilm „Siri Hustvedt - Dance Around the Self“ spricht die renommierte Schriftstellerin Siri Hustvedt offen und bewegend über den Krebstod ihres Ehemannes Paul Auster. Mehr als vier Jahrzehnte verband die beiden Autoren eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die nun durch Austers Tod ein jähes Ende fand.

Trauer als körperlicher Entzug und Anpassungsprozess

Hustvedt beschreibt im Interview in Berlin, wie ihr Alltag nach dem Verlust komplett verändert wurde. „All' diese sinnliche, körperliche Realität zwischen uns ist verschwunden“, erklärt die 71-Jährige. Sie betont, dass sie sich die Trauer zwar vorstellen konnte, aber die physischen Auswirkungen dramatischer waren als erwartet. Für Hustvedt besteht der Trauerprozess in der Anpassung an Abwesenheit, einem intensiven sensorischen Entzug.

Die Schriftstellerin nutzt dabei eine prägnante Metapher: „Es gibt viele Amputationsmetaphern, die für Trauer verwendet werden, und ich finde sie sehr passend, denn ein Teil von einem fehlt“. Sie verfolgt eine Theorie, dass die körperliche Verbindung zur Mutter vor der Geburt später durch soziale Beziehungen ersetzt wird. Der Verlust einer nahestehenden Person treffe uns daher auch physisch.

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Kritik an der modernen Trauerkultur

Hustvedt äußert sich kritisch zum Umgang mit Verlust in der heutigen Gesellschaft. Sie sieht wenig Raum für diese elementaren Erfahrungen in einer neoliberalen Kultur, die auf Konsum und Selbstfürsorge fixiert sei. „Man solle über den Verlust hinwegkommen. Aber das ist ein absolut verarmtes Bild dessen, was Menschen ausmacht“, so ihre deutliche Aussage.

Der Dokumentarfilm als Zeugnis einer großen Liebe

Der Film, der bei der Berlinale Premiere feierte, porträtiert nicht nur Hustvedts Leben und Werk, sondern dokumentiert auch die tiefe Verbindung zu Paul Auster. Regisseurin Sabine Lidl, die bereits einen Film über Auster drehte, zeigt die gemeinsamen Jahre der beiden Autoren, ihre intellektuelle Übereinstimmung und ihre Auseinandersetzung mit philosophischen Themen.

Im Film sind berührende Szenen zu sehen, in denen das Paar alte Fotos durchschaut. Auster erinnert sich an ihren Hochzeitstag: „Die Götter schauen zu. Das hier ist ein kosmisches Ereignis“. Der Dokumentarfilm thematisiert auch die gesundheitlichen Herausforderungen, darunter Hustvedts Zitteranfälle und schließlich Austers Krebsdiagnose, die sie in das von Hustvedt so bezeichnete „cancer land“ führte.

Ein deutsches Wort für eine einzigartige Beziehung

Obwohl Hustvedt in den USA geboren wurde und norwegische Vorfahren hat, findet sie für die Beschreibung ihrer Beziehung zu Auster ein deutsches Wort besonders treffend. „'Lebensmensch' ist ein wunderschönes deutsches Wort“, sagt sie, „und ich halte daran fest, weil es etwas beschreibt, das in vielen anderen Sprachen fehlt“. Dieses Wort fasst zusammen, was Paul Auster nach den gemeinsamen Jahrzehnten für sie bedeutete.

Hustvedt hat ihre Trauer auch literarisch verarbeitet. Ihr Buch „Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung“ stellt sie derzeit in Deutschland vor. Der Dokumentarfilm ergänzt diese Reflexionen und bietet ein intimes Porträt einer Frau, die den Verlust ihres Lebenspartners bewältigen muss, während sie gleichzeitig ihre Identität als Schriftstellerin und Denkerin bewahrt.

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