Frühjahrsmüdigkeit: Systemausfall oder weise Körperbotschaft?
Er kommt jedes Jahr mit unerbittlicher Präzision, dieses gähnende Knirschen des Frühlings. Mit der erwachenden Natur erwacht bei vielen Menschen auch jenes Phänomen, das Mediziner nüchtern als „Frühjahrserschöpfung“ bezeichnen und Betroffene treffender als „totalen Systemausfall“ beschreiben.
Die Symptome der bleiernen Müdigkeit
Die Anzeichen sind wohlbekannt: Das morgendliche Herausschleppen aus dem Bett gleicht dem Schwung eines feuchten Taschentuchs. Der erste Kaffee hilft nicht, der zweite ebenfalls nicht. Man blickt aus dem Fenster in die unfair glitzernde Frühlingssonne und empfindet dabei nichts als den stillen, übermächtigen Wunsch, sofort wieder ins Bett zu fallen.
Die wissenschaftliche Erklärung klingt vernünftig: Der Körper stellt seine Hormonproduktion um, der Kreislauf passt sich den längeren Tagen an, die innere Uhr wird neu justiert. Interessant wäre es, diese Prozesse zu vertiefen – nur fehlt gerade die Energie, diesen Gedanken zu Ende zu denken.
Ein gesellschaftliches Phänomen
Besonders faszinierend ist die gesellschaftliche Dimension dieser alljährlichen Erschöpfung. Wir teilen sie nämlich alle – und reden dennoch darüber, als hätte man gerade eine seltene Tropenkrankheit diagnostiziert bekommen. „Ich bin so unglaublich müde“, verkündet der Kollege im Tonfall eines Polarforschers. „Ich auch“, antwortet man und lehnt sich unmerklich an den nächsten Türrahmen.
Die Ratgeber-Industrie profitiert
Die Ratgeber-Industrie reibt sich angesichts dieser saisonalen Schwäche die Hände. Vitaminpräparate, spezielle Schlafkuren, teure Lichttherapiegeräte und komplizierte Atemübungen – alles wird mit dem fröhlichen Versprechen vermarktet, dass man danach wieder ein voll funktionsfähiger Mensch sei. Der Autor dieser Zeilen hat in vergangenen Jahren Magnesium geschluckt, Baldrianwurzeltee getrunken und einmal ernsthaft erwogen, um 6 Uhr morgens joggen zu gehen. Er hat es nicht getan. Und er bereut es bis heute nicht.
Vielleicht ist es gar kein Problem
Denn möglicherweise ist die Frühjahrsmüdigkeit überhaupt kein Problem, das dringend gelöst werden muss. Vielleicht ist sie eine weise Botschaft unseres Organismus, sich endlich die Pause zu gönnen, die man sich den Rest des Jahres verbietet. Oder sie ist einfach nur lästig und unangenehm. Beides ist durchaus möglich. Ich würde das gerne abschließend beurteilen – aber ich muss mich jetzt erst einmal kurz hinlegen.



