Rostocker Forscherin fordert Systemwandel: Kindergesundheit braucht mehr als Appelle an Eltern
Kindergesundheit: Systemwandel statt Eltern-Appelle gefordert

Rostocker Forscherin fordert Systemwandel: Kindergesundheit braucht mehr als Appelle an Eltern

In Mecklenburg-Vorpommern sind etwa 13 Prozent der Kinder übergewichtig – ein trauriger Spitzenwert in ganz Deutschland. Prof. Dr. Anna Lene Seidler, Wissenschaftlerin an der Universitätsmedizin Rostock, wurde Ende März 2025 in Berlin als Nachwuchswissenschaftlerin des Jahres ausgezeichnet. Die 33-Jährige führt internationale Spitzenforschung in der Kindergesundheit zusammen und setzt regionale Projekte um.

Eltern allein können das Problem nicht lösen

„Die Eltern allein können das Problem nicht lösen“, betont Seidler im Gespräch. „Wir als Gesellschaft sind gefragt, Kinder besser zu schützen und ihre Familien systematisch zu unterstützen.“ Die junge Professorin hat sich die Kindergesundheit zur Lebensaufgabe gemacht und erklärt, warum klassische Erziehungstipps beim Thema Übergewicht oft ins Leere laufen.

Ihre Meta-Analyse, in der Daten von 30.000 Kindern weltweit ausgewertet wurden, zeigt ein ernüchterndes Ergebnis: Bildungsprogramme für Eltern haben bisher nicht gewirkt. Der Grund dafür sei, dass Eltern oft machtlos gegenüber äußeren Einflüssen seien. Zu einem gesunden Lebensstil gehören nicht nur Wissen, sondern auch Ressourcen wie Zeit, Geld und eine unterstützende soziale Umgebung.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Neues Forschungsprojekt in Rostock gestartet

Auf Basis dieser Erkenntnisse läuft nun ein Forschungsprojekt in Rostock an, bei dem Schulessen und Rahmenbedingungen in verschiedenen Einrichtungen wissenschaftlich untersucht werden. „Wir arbeiten eng mit den Mittagsmatrosen zusammen, um herauszufinden, wie gesundes Schulessen aussehen kann und wie alle Kinder davon profitieren – auch jene aus sozial benachteiligten Haushalten“, erklärt Seidler.

Die Forscherin ist überzeugt, dass Kindergesundheit immer auch eine Gesellschaftsaufgabe ist. Soziale Ungleichheit spielt dabei eine enorme Rolle. Eltern mit wenig Zeit und Geld hätten es schwerer, eine gesundheitsförderliche Umgebung zu schaffen. Daher brauche es systemische Maßnahmen in Kitas, Schulen, der Politik und sogar bei der Lebensmittelindustrie.

Konkrete Maßnahmen für mehr Kindergesundheit

Seidler nennt konkrete Vorschläge für einen Systemwandel:

  • Beschränkung von Werbung für ungesunde Produkte auf bestimmte Sendezeiten
  • Verpflichtung von Kitas, nur ungesüßte Getränke anzubieten
  • Einführung einer Zuckersteuer nach britischem Vorbild
  • Wegfall der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse

„Eine Zuckersteuer könnte bewirken, dass Unternehmen den Zuckergehalt in ihren Produkten senken, um den Preis halten zu können“, erklärt die Wissenschaftlerin. Klar sei aber, dass eine solche Steuer mit anderen Maßnahmen kombiniert werden müsse, um zu verhindern, dass Lebensmittelpreise generell ansteigen.

Internationale Forschung mit regionaler Anwendung

Seidler lebt seit anderthalb Jahren in Rostock und forscht in internationalen Projekten zu Übergewicht, Frühgeborenenbetreuung und gesundheitlicher Ungleichheit. Ihre Professur ist eng mit dem neuen Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit verknüpft, das einen Standort an der Unimedizin Rostock unterhält.

„Ich sehe meine Rolle darin, wissenschaftliche Evidenz zu generieren, die am Ende zeigt, was wirklich effektiv ist“, sagt die Forscherin. Sie analysiert weltweit Studien, vernetzt Projekte frühzeitig und kommuniziert Ergebnisse klar – auch in die Politik hinein.

Angst vor Veränderung überwinden

Die größte Herausforderung bei systemischen Maßnahmen sei die Angst vor Veränderung. „Viele Menschen haben Angst vor systemischen Veränderungen, etwa bei einer Zuckersteuer, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen etwas weggenommen wird“, gibt Seidler zu bedenken.

Dabei lebe man momentan in einer Umwelt, in der ungesundes Essen kaum etwas koste, während gesunde Ernährung besonders teuer sei und Zeitaufwand bedeute. „Das könnte man doch genauso als eine Beschränkung der Freiheit sehen“, so die Wissenschaftlerin abschließend.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration