Frühchen-Versorgung in Neubrandenburg: Erfolge werden nicht belohnt
Frühchen-Versorgung: Erfolge nicht belohnt

Frühchen-Versorgung in Neubrandenburg: Ein heikles Thema trotz medizinischer Erfolge

Als Justus am 9. Januar mit nur 730 Gramm zur Welt kam, hätte er bei Lebensmittel-Vergleichen nicht einmal mit drei Stück Butter mithalten können. Inzwischen hat der Winzling sein Geburtsgewicht locker verdreifacht und sich phänomenal entwickelt, wie sowohl seine überglückliche Mama Prisca Güntzschel als auch die Ärzte am Neubrandenburger Klinikum bestätigen. Doch dass Justus hier geboren werden konnte, ist im jahrelangen Ringen um das Perinatalzentrum-Level 1 für Frühchen unter 1250 Gramm noch immer nicht selbstverständlich.

Mindestmengenregelung und ihre Herausforderungen

Gemäß einer gesetzlichen Mindestmengenregelung dürfen sogenannte Extremfrühchen, abgesehen von Notfällen, nur noch in Kliniken behandelt werden, die jährlich mindestens 25 solcher Fälle aufweisen. Neubrandenburg hat im Sommer 2025 die Level 1-Versorgung wieder regulär aufgenommen, allerdings geknüpft an die Bedingung einer zunächst auf 13 reduzierten Fallzahl. Justus ist einer von sieben Knirpsen unter 1250 Gramm, die seither im Klinikum zur Welt kamen.

Die Uckermärkerin Prisca Güntzschel wurde bei einer Routine-Untersuchung mit dem sogenannten Hellp-Syndrom diagnostiziert, einer Schwangerschaftsvergiftung, die mit Blutarmut und erhöhten Leberwerten Mutter und Kind gefährdet. „Ich fühlte mich richtig gut aufgehoben, konnte alle Fragen loswerden, war innerlich ruhig“, erzählt sie. Zwei Tage konnten die Spezialisten gewinnen, bis Justus, dessen Herzfrequenz immer wieder absackte, auf die Welt geholt werden musste.

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Differenzierte ärztliche Perspektiven

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) als höchstes Entscheidungsgremium im Gesundheitswesen begründet die Mindestmengenregelung unter anderem mit planbaren Frühgeburten, bei denen genug Zeit bleibe, ein spezialisiertes Zentrum aufzusuchen. Ärzte sehen dies differenzierter.

„Manchmal können wir für einige Tage planen, um wie bei Justus zum Beispiel mit Kortisonspritzen die Lungenreife zu erreichen. Manchmal gelingt es sogar, eine Schwangere bis zur 40. Woche zu bringen. Aber manchmal kommt eine Frau in die Klinik und das Baby auf die Welt“, sagt Dr. Katharina Timme, seit Jahresbeginn Leitende Oberärztin der Kinderklinik am Bonhoeffer-Klinikum. Zuvor an einem Level 1-Zentrum in Berlin tätig, hat sie den allgemeinen Geburtenrückgang und die verbesserten Möglichkeiten der Geburtshilfe deutlich im Blick.

Strukturqualität versus Fallzahlen

Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Neubrandenburger Kinderklinik, berichtet, dass in Mecklenburg-Vorpommern seines Wissens kein Krankenhaus die Mindestfallzahl von 25 erreicht. Gut für die Familien, heikel für Strukturentscheidungen: Welche Leistungen und Finanzmittel den Häusern zugestanden werden, hängt von möglichst vielen Komplikationen ab. Für den Erfolg, drohende Frühgeburten hinauszuzögern oder gar zu verhindern, würden Kliniken nicht belohnt.

„Wir liefern Strukturqualität in jedem Schwangerschaftsstadium“, verweist der Chefarzt auf die allen Maßstäben gerechte Ausstattung seines Hauses mit gut ausgebildeten Kinderkrankenschwestern und -pflegern, zertifizierter Kinderchirurgie, Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Fachärzten und guten Zahlen bei der Verlängerung risikobedrohter Schwangerschaften. „Wir können alles liefern“, sagt er, „nur an den Geburtenzahlen drehen können wir nicht.“

Familiennähe und politische Verantwortung

Familie Güntzschel hat erlebt, was den Unterschied macht, indem sie Justus und seine Mama von Lychen aus häufig besuchen konnte. Umgekehrt war es Prisca Güntzschel wichtig, ein- bis zweimal pro Woche zu Hause für ihren Mann und ihre drei größeren Kinder da sein zu können. Die ganze Familie hat sie dann auch abgeholt, als Justus Ende März nach Hause durfte.

„Die Politik muss sich von anderem leiten lassen als nur der Mindestmenge“, verweist Katharina Timme auf das Recht der Länder, Ausnahmen von den Vorgaben des G-BA zu regeln – zugunsten einer flächendeckenden Versorgung. Für die Neonatologin waren die Arbeitsbedingungen in Neubrandenburg mit moderner Ausstattung sowie top ausgebildeten und hoch motivierten Kollegen gute Gründe für den beruflichen Wechsel ans Bonhoeffer-Klinikum.

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Eine wöchentliche Sprechstunde für Früh- und Risikogeborene sowie eine Profil-Nachsorge mit Hausbesuchen sichern zudem die Versorgung über den Krankenhaus-Aufenthalt hinaus. Umso mehr sieht Chefarzt Dr. Armbrust die Politik in der Pflicht, „Zentren so zu stärken, dass wir auch in drei, fünf und acht Jahren noch diesen Aufgaben nachkommen können.“