FASD: Amys Kampf gegen die lebenslangen Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft
Mit 19 Jahren erfuhr Amy, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert hatte. Diese Erkenntnis brachte eine Erklärung für ihre alltäglichen Schwierigkeiten, die sie seit ihrer Kindheit plagen. Heute, mit 22 Jahren, lebt Amy mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD), einer dauerhaften Hirnschädigung, die durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft verursacht wird.
Ein Leben voller Herausforderungen und falscher Diagnosen
Amy erinnert sich an ihre Schulzeit: "Irgendwann kam meine Lehrerin zu mir und fragte: Amy, bist du zu dumm, zu faul, zu dämlich? Irgendwann habe ich es geglaubt." Ihre Emotionen schwanken stark, von Glück zu Tränen und Wutausbrüchen. Die Diagnose FASD erhielt sie erst spät, nach einer Odyssee durch verschiedene Arztpraxen, wo zunächst ADHS oder Autismus vermutet wurden. "Hätte ich es früher gewusst, hätte ich mich nicht wie ein Außerirdischer gefühlt", sagt sie.
Wie Alkohol das ungeborene Kind schädigt
Wenn eine schwangere Frau Alkohol trinkt, gelangt dieser über die Plazenta direkt in den Blutkreislauf des Fötus. Mutter und Kind haben dann denselben Alkoholspiegel. Der Alkohol kann sich im Fruchtwasser ansammeln, wodurch das Ungeborene über längere Zeit exponiert ist. Schon geringe Mengen können schwere Folgen haben, wie Kathleen Kunath, eine Sozialpädagogin, betont: "Ein Glas Wein kann darüber entscheiden, ob das Kind später auf das Gymnasium oder die Hauptschule geht." Experten schätzen, dass in Deutschland jährlich bis zu 10.000 Babys mit FASD geboren werden.
Die unsichtbare Behinderung und der Mangel an Unterstützung
FASD ist oft unsichtbar, kann aber zu Lernschwierigkeiten, Unorganisiertheit und Impulsivität führen. In schweren Fällen zeigen sich körperliche Merkmale wie ein kleinerer Kopf oder eine schmalere Oberlippe, die sich manchmal in der Pubertät verwachsen. Die Diagnose ist schwierig, besonders für Erwachsene, da es kaum spezialisierte Einrichtungen gibt. Kunath erklärt: "Es gibt keine Leitlinie für Erwachsene, und nur eine Handvoll Orte in Deutschland, wo Diagnosen möglich sind."
Amys neues Zuhause und ihre Ziele
Amy lebt seit zwei Jahren in einer betreuten Wohngemeinschaft in Berlin, einer von nur drei solcher WGs mit insgesamt zwölf Plätzen in der Stadt. Hier erhält sie Unterstützung im Alltag, beim Kochen, Putzen und der Jobsuche. "Ich fühle mich hier sicher, was ich in der Familie nicht hatte", sagt sie. Ihre Beeinträchtigung erfordert regelmäßige Pausen, da ihr Gehirn Erlebtes anders verarbeitet.
Aufklärung als persönliche Mission
Trotz der Herausforderungen engagiert sich Amy für Aufklärung. Einmal pro Woche besucht sie mit Kathleen Kunath Schulklassen, um über FASD zu informieren. "Ich fühle mich verantwortlich, aufzuklären, weil keiner weiß, was FASD ist", erklärt sie. Ihre Ziele sind bescheiden und doch bedeutsam: eigenständiges Wohnen mit ihrer Partnerin, ein Besuch in Disneyland und fließendes Englisch. "Ich will zeigen, ich bin nicht diejenige, die einen Fehler hat, sondern ich lebe mit dieser Erkrankung", sagt Amy.
Die Geschichte von Amy unterstreicht die dringende Notwendigkeit von mehr Bewusstsein und Ressourcen für FASD-Betroffene in Deutschland.



