Greifswalder Wohnprojekt in der Krise: Feministisches Banner löst Räumungsstreit aus
Greifswald: Banner-Streit bedroht linkes Wohnprojekt

Greifswalder Wohnprojekt in der Krise: Feministisches Banner löst Räumungsstreit aus

Ein seit fast zwei Jahrzehnten bestehendes linkes Wohnprojekt in Greifswald steht vor dem Aus. Der Grund ist ein ungewöhnlicher Konflikt: Ein feministisches Banner an der Hausfassade hat zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen dem Eigentümer und den Bewohnern geführt, das nun vor Gericht landet.

Vom besetzten Haus zum kollektiven Eigentum

Bei dem Projekt „Grimmer“ in der Grimmer Straße handelt es sich um ein ehemals besetztes Haus, das Anfang der 2000er Jahre von Teilen der Besetzer kollektiv erworben wurde. Nach Recherchen des Nordkurier hat sich die Eigentümerstruktur über die Jahre jedoch verändert. Ein ursprünglicher Mitkäufer soll nach und nach seine Partner ausbezahlt haben und gilt heute als alleiniger Mehrheitseigner. Im Jahr 2024 zog dieser Eigentümer wieder in das Haus ein, was die Spannungen innerhalb der Gemeinschaft deutlich erhöhte.

Das Banner als Zündfunke

Zum „feministischen Kampftag 2023“ beschloss die Hausgemeinschaft, ein Banner mit der Aufschrift „Feminismus nur gemeinsam und überall“ an der Fassade anzubringen. Diese Aktion stieß beim Eigentümer auf massiven Widerstand. Nach mehrfachen Aufforderungen, das Banner zu entfernen, griff er schließlich selbst zur Schere und schnitt es eigenhändig ab. Dieser Vorfall markierte den Beginn einer Eskalation, die das gesamte Wohnprojekt in Frage stellt.

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Kündigungen und Räumungsklagen

Im Jahr 2024 folgten die ersten Kündigungen wegen Eigenbedarfs gegen vier Bewohner. Obwohl ausreichend Wohnraum im Haus vorhanden ist, wie Bewohner betonen, schrumpfte die Gemeinschaft von ursprünglich 16 auf nur noch acht Personen. Im Dezember 2025 reichte der Eigentümer schließlich eine Räumungsklage gegen die verbliebenen gekündigten Mieter ein. Zwei von ihnen haben das Haus mittlerweile bereits freiwillig verlassen.

Die Perspektive der Bewohner

Bewohner wie Ronja und Jan, die ihre echten Namen aus Angst vor Konsequenzen nicht nennen wollen, zeigen sich frustriert über die Entwicklung. „Es macht mich wütend, dass ein einzelner Mensch aufgrund seines Eigentums über unser Zuhause und unseren Lebensraum entscheiden kann – und dass dies letztlich staatlich durchgesetzt wird“, erklärt Ronja. Jan, der seit über zehn Jahren in der Grimmer lebt, betont: „Wir wollen ein Wohnprojekt und kein Mietobjekt.“ Die Bewohner kritisieren, dass der Eigentümer mit seinem Einzug das bisherige Miteinander grundlegend verändert habe.

Letzte Hoffnung: Gerichtliches Güteverfahren

Die Situation scheint festgefahren, doch es gibt einen letzten Hoffnungsschimmer. Das zuständige Gericht hat ein Güteverfahren angeregt, um eine außergerichtliche Einigung zu prüfen. Dieses Mediationsverfahren soll klären, ob ein Kompromiss zum Wohle aller Beteiligten noch möglich ist. Der Eigentümer hat sich auf Anraten seines Anwalts bisher nicht öffentlich geäußert, um den Prozess nicht zu gefährden.

Ein Symbol für größere Konflikte

Der Fall des Greifswalder Wohnprojekts zeigt exemplarisch die Spannungen zwischen kollektiven Wohnformen und privatem Eigentum. Was als feministische Solidaritätsbekundung begann, könnte nun das Ende einer fast zwanzigjährigen Gemeinschaft bedeuten. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das Güteverfahren eine Lösung bringen kann oder ob die Räumungsklagen vollstreckt werden.

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