Ponkie wäre heute 100: Warum die legendäre AZ-Kritikerin heute besonders fehlt
Heute wäre Ilse Kümpfel, die unter ihrem Pseudonym Ponkie bekannt wurde, 100 Jahre alt geworden. Die Grande Dame der deutschen Film- und Fernsehkritik starb am 30. Dezember 2021 im Alter von 95 Jahren. Ihre Urne wurde am 28. Januar 2022 bei nasskaltem Wetter auf dem Waldfriedhof Solln beigesetzt.
Vom Mädchen aus Solln zur Grande Dame der Kritik
Ilse Kümpfel war gerade zehn Jahre alt, als Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 26. November 1936 die Abschaffung der Kunstkritik anordnete und sie in eine rein "berichtende Betrachtung" überführte. Wer dagegen verstieß, erhielt Berufsverbot. Das Mädchen aus Solln verstand diese diktatorische Repression damals noch nicht vollständig, doch zwanzig Jahre später, 1956, als sie ihre erste Kritik für die AZ schrieb, wurde sie zur journalistischen Verkörperung des genauen Gegenteils.
Unter ihrem Pseudonym Ponkie stand sie für Freiheit, fundierte Analyse und gelegentliche Schärfe, die stets mit Witz, Humor und einer tiefen Humanität grundiert war. Diese Haltung behielt sie bei, bis sie – nur wenige Jahre vor ihrem Tod – ihre letzten TV-Kritiken auf der Medienseite der AZ verfasste.
Eine Stimme mit unverwechselbarem Profil
Ponkies Bedeutung zeigt sich nicht nur darin, dass sie im jährlich erscheinenden "Lexikon des internationalen Films" mit ihren Analysen hundertfach zitiert wurde. Andere Zeitungen, darunter die "Süddeutsche Zeitung", versuchten sie abzuwerben. Viele Filmschaffende fürchteten ihre Texte, während Leserinnen und Leser liebevoll an ihr als AZ-Autorin hingen – einschließlich des langjährigen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude, der ein Freund von ihr wurde.
Indirekt unsterblich machte sie sich auch durch die Entdeckung von Helmut Fischer, den sie als Kritikerkollegen für die AZ verpflichtete. Dadurch wurde er bekannt und später – von Helmut Dietl entdeckt – als Schauspieler berühmt.
Sprachfertigkeit und analytische Schärfe
Ponkies erste TV-Kritik erschien am 12. März 1963, nachdem der damalige AZ-Feuilletonchef zu seiner Kinokritikerin gesagt hatte: "Übers Fernsehen muss jetzt auch mal geschrieben werden." Über fünf Jahrzehnte lang benannte sie "Unterhaltungsschrott" analytisch als solchen, ohne Entertainment grundsätzlich als flach abzulehnen.
Ihre unzähligen neuen Wörter, die sogenannten "Ponkismen", entstanden spontan, aber stets präzise ausgedacht. Begriffe wie "Hirnstaubsauger" für TV-Sendungen, nach deren Konsum man eine extreme Leere im Kopf verspürt, oder ihre Empfehlung einer "TV-Kanalreinigung" wurden zu Markenzeichen ihres Stils. Sie selbst war der geniale TV-Kanal-Reiniger, den man nicht in der Haushaltswarenabteilung kaufen, aber in der AZ lesen konnte.
Distanz und Haltung
Zu München, seiner Schickeria, der Bussi-Gesellschaft und den Adabeis hielt Ponkie stets Abstand. Sie erschien fast nie auf Einladungen, Empfängen oder PR-Veranstaltungen – nicht aus Überheblichkeit, sondern aus professioneller Distanz. Ihre soziopsychologische Unterscheidung zwischen "Weißwurst- und Hummerleuten" wurde legendär, auch wenn beide Gruppen nicht ihr Typ waren.
Dennoch hatte sie Vorlieben, die von Rainer Werner Fassbinder bis Boris Becker reichten. Thomas Gottschalk schätzte sie "als geborenes Showtalent", vielleicht sogar ein bisschen liebte sie ihn. Kollegen, Leserinnen und Leser, ihre Familie mit den allein großgezogenen Kindern und später ihre Enkelkinder: Alle liebten, bewunderten und achteten sie.
Ein bleibendes Vermächtnis
Heute, wo in vielen Feuilletons eher berichtende Kulturbetrachtungen statt fundierte Analysen geliefert werden, macht das Fehlen von Ponkies Stimme besonders schmerzlich. Ihre Kritik von Mel Gibsons "Passion Christi" zeigt exemplarisch ihre Stärken: Ein kurzer film- und kunsthistorischer Rundumblick, gefolgt von analytischer Skepsis und klaren Maßstäben.
Sie begann mit der Beobachtung: "Künstler, die ihren Obsessionen eine Mission zusprechen (das schlimmste Motiv, das es gibt), wecken tiefes Misstrauen." Nach einer kurzen Stilkritik folgte der analytische Kern: "Gibson will das Leiden Christi erlebbar machen, indem er es eins zu eins abbildet." Doch sie urteilte: "Doch Gibson filmt mit dem Fanatismus eines katholischen Sektierers und den Schockmethoden der Splatter-Movies, sozusagen aus dem Gaffer-Auge: Zuschauen, wenn einer totgeschunden wird."
In dieser Konzentriertheit, für die andere Kollegen vielleicht die doppelte, selbstgefällige Länge verwendet hätten, zeigt sich das ganze Können von Ponkie. Ihre Abneigung gegen Ideologien und Fanatismus, ihr natürlicher Feminismus, ihre Ablehnung von Gewalt – all dies schimmerte in ihren Texten durch und war geprägt von ihrer Erfahrung, im NS-Staat groß geworden zu sein. Ilse Kümpfel war bei Kriegsende genau 19 Jahre alt.
Heute, an ihrem 100. Geburtstag, bleibt Ponkie als journalistisches Vorbild in Erinnerung – eine Stimme, die mit Haltung, Klarheit und Menschlichkeit das deutsche Feuilleton über fünf Jahrzehnte prägte und deren Fehlen heute besonders spürbar ist.



