Chiemsee: Dorfwirtshaus veranstaltet gemeinsames Fastenbrechen für Muslime und Nicht-Muslime
Chiemsee: Gemeinsames Fastenbrechen im Dorfwirtshaus

Gemeinsames Fastenbrechen am Chiemsee: Ein Dorfwirtshaus schafft Begegnungsraum

In der Gemeinde Bernau am Chiemsee, genauer im Ortsteil Hittenkirchen, setzt ein Landgasthof ein bemerkenswertes Zeichen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Gastronom und Küchenchef Patrick Bellahouel veranstaltet bereits zum vierten Mal ein gemeinsames Fastenbrechen, das ausdrücklich für Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen offensteht. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Spaltungen oft thematisiert werden, schafft dieser Initiative einen konkreten Raum für Begegnung und Dialog.

Die Idee: Vom Mitarbeiter zum Gemeinschaftserlebnis

Die Ursprünge des Projekts liegen in einer persönlichen Beobachtung. Patrick Bellahouel, der den Landgasthof Hittenkirchen seit 2020 führt, bemerkte, wie sich ein algerischer Mitarbeiter während des Ramadans zum Fastenbrechen stets allein zurückzog. "Es hat ganz einfach angefangen", erklärt der 35-Jährige. Sein Angebot, das Iftar gemeinsam im Restaurant zu begehen, stieß auf unerwartetes Interesse der Stammgäste und mündete in der festen Veranstaltungsreihe.

Bellahouel, der konfessionslos ist, aber väterlicherseits tunesische Wurzeln hat, betont den verbindenden Charakter der Tradition. "Der Grundgedanke des Ramadans ist das Teilen. Es geht darum, dass man teilt, was man hat – und dazu lädt man nicht nur die Familie, sondern auch andere Menschen ein", so der Gastronom. Diese Haltung sieht er in perfekter Übereinstimmung mit der Funktion eines traditionellen Dorfwirtshauses, das als Treffpunkt für die gesamte Dorfgemeinschaft dient.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Ablauf und kulinarische Besonderheiten

An vier Freitagen im Februar und März (20. und 27. Februar sowie 6. und 13. März 2026) findet das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang statt. Die Gäste speisen nicht an separaten Tischen, sondern an einer langen Tafel – eine zunächst ungewohnte, aber schnell akzeptierte Arrangement, das den Gemeinschaftscharakter unterstreicht.

Der Abend beginnt traditionell mit Milch und Datteln, gefolgt von einer Auswahl an Gerichten:

  • Tunesische Spezialitäten wie Gewürzpaste, Tajine und Mechouia-Salat
  • Authentische Muluchiya, vergleichbar mit Spinat
  • Frisches Olivenöl direkt aus Tunesien
  • An zwei Terminen kommen Gastköche mit ägyptischer und pflanzlicher Küche

Wichtige Hinweise für Teilnehmer: Eine vorherige Fastenpflicht besteht nicht, Alkohol wird ausgeschenkt, Schweinefleisch jedoch nicht serviert. Die Kosten betragen 39 Euro pro Person, eine Reservierung ist erforderlich. Der erste Termin ist bereits ausgebucht – ein Indiz für die große Resonanz.

Gesellschaftliche Bedeutung und persönliche Motivation

Bellahouel beobachtet die angespannte gesellschaftliche Stimmung mit Sorge. "Von vielen Seiten wird versucht, Keile reinzuschlagen, wo aus meiner Sicht keine hineingehören", stellt er fest. Sein Fastenbrechen-Projekt versteht er als aktiven Beitrag gegen Vorurteile und für mehr Verständnis. "Wenn wir die Menschen gemeinsam am Tisch haben, können sich viele Vorurteile auflösen", ist er überzeugt.

Statistisch leben in Bayern zwischen 621.000 und 656.000 Menschen muslimischen Glaubens (Stand 2019), was etwa 4,8 bis 5,1 Prozent der Bevölkerung entspricht. Initiativen wie die im Landgasthof Hittenkirchen schaffen Begegnungsmöglichkeiten, die über bloße Zahlen hinausgehen. Bellahouel berichtet von berührenden Momenten bei vergangenen Veranstaltungen, wenn sich zuvor unbekannte Gäste am Ende Telefonnummern austauschten, um in Kontakt zu bleiben.

Für den ausgebildeten Hotelfachmann, der in Augsburg geboren wurde und schon immer in der Gastronomie gearbeitet hat, ist die Tischkultur von besonderer Bedeutung. "Ich liebe es, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt, isst, sich austauscht und unterhält. Das ist ein schöner kultureller Aspekt, der in unserer schnelllebigen Zeit oft untergeht", erklärt er. Sein Engagement zeigt, wie traditionelle bayerische Wirtshauskultur und interreligiöser Dialog erfolgreich verbunden werden können.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration