Sexualisierte Gewalt: Warum es kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem ist
Sexualisierte Gewalt: Ein strukturelles Problem der Gesellschaft

Wut und Ohnmacht: Sexualisierte Gewalt als strukturelles Problem

In ganz Deutschland gehen derzeit Tausende Menschen auf die Straße, um gegen sexualisierte und digitale Gewalt gegen Frauen zu protestieren. Während in sozialen Medien Prominente und Influencer härtere Strafen fordern, wird das Thema auch im Bundestag intensiv diskutiert. Doch was oft wie ein Einzelfall erscheint, hat laut Expertinnen ein System.

Digitale und physische Gewalt: Zwei Seiten derselben Medaille

Josephine Ballon, Juristin und Geschäftsführerin der Beratungsstelle HateAid, betont: „Sexualisierte digitale Gewalt gibt es schon seit Jahren.“ Das Spektrum reicht von Hasskommentaren und Drohungen bis hin zur Verbreitung von Nacktfotos und Deepfakes. Eine aktuelle Umfrage des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigt erschreckende Zahlen: Zwei von drei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland haben bereits sexualisierte Beschimpfungen, digitale Gewalt oder Belästigungen erlebt. Ein Drittel berichtet von sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer.

Patriarchale Strukturen als Ursache

Die Autorin und Politologin Emilia Roig erklärt: „Unsere Gesellschaft ist patriarchal – sie duldet Gewalt nicht nur, sie produziert und normalisiert sie täglich.“ Sexualisierte Gewalt sei kein „Ausrutscher“, sondern ein zentrales Mittel zur Ausübung von Kontrolle, das auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit basiere. Offline bestätigen die Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) dieses Bild: Im Jahr 2024 waren etwa 86 Prozent der Opfer von Sexualstraftaten weiblich, während die große Mehrheit der Tatverdächtigen männlich war.

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Antifeminismus und Rassismus: Zwei Seiten derselben Ideologie

Ballon weist darauf hin, dass Antifeminismus ein „sehr anschlussfähiges Thema“ für konservative und extremistische Gruppen sei, die Frauen eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft zuweisen wollen. Roig ergänzt, dass Rassismus oft mit antifeministischen Ansichten einhergehe: „Wer Gleichberechtigung von Frauen ablehnt, lehnt in der Regel auch andere Formen von Gleichheit ab.“ Beide Phänomene funktionierten nach demselben Prinzip der Abwertung nicht-dominanter Gruppen.

Häusliche Gewalt: Der zentrale Ort der Gewalt

Roig betont, dass das eigene Zuhause nicht der Gegenpol zur Gewalt sei, sondern ihr zentraler Ort: „Femizide passieren nicht primär im öffentlichen Raum, sondern dort, wo Männer glauben, einen Anspruch auf Frauen zu haben: im Privaten.“ In mehreren Bundesländern haben Polizei und Hilfsorganisationen zuletzt über einen Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt berichtet.

Großdemonstrationen und Solidarität

Hintergrund der aktuellen Debatte sind schwere Vorwürfe der Moderatorin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Partner Christian Ulmen, über die der „Spiegel“ berichtete. In Städten wie Hamburg, Berlin, Hannover, München und Frankfurt solidarisieren sich derzeit Massen von Menschen mit den Opfern sexualisierter Gewalt und fordern mehr Schutz. Prominente wie die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und zahlreiche Politikerinnen unterstützen die Kundgebungen.

Die Scham muss die Seiten wechseln

Ballon hofft, dass die Solidarität auf den Straßen Betroffene ermutigt, über ihre Erlebnisse zu sprechen: „Jede Frau muss befürchten, dass ihr das auch passiert.“ Roig plädiert dafür, dass Betroffene nicht mehr beschämt oder misstrauisch befragt werden dürfen. Der Satz „Die Scham muss die Seiten wechseln“ – geprägt von der Französin Gisèle Pelicot – ist auf den Demos allgegenwärtig. Die Scham gehöre nicht den Betroffenen, sondern den Tätern und denen, die Gewalt decken.

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