Brandenburgs umstrittene Deutschstunde: Eine Stunde mehr in vier Jahren
Die brandenburgische Landesregierung aus SPD und CDU sorgt mit ihren Plänen zur Stärkung der Basiskompetenzen an Grundschulen für kontroverse Diskussionen. Nachdem Details zur Umsetzung bekannt wurden, zeigt sich: Die im Koalitionsvertrag angekündigte zusätzliche Deutschstunde soll tatsächlich nur für die Dauer eines einzigen Schuljahrs zwischen der ersten und vierten Klasse eingeführt werden.
Die Umsetzung im Detail
Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) machte in der jüngsten Sitzung des Bildungsausschusses deutlich, dass die Formulierung im Koalitionsvertrag wörtlich zu nehmen sei. „Wir fördern die Basiskompetenzen durch eine zusätzliche Stunde Deutsch in der Grundschule“ bedeute konkret: In einem der vier Grundschuljahre erhalten die Schülerinnen und Schüler eine Wochenstunde mehr Deutschunterricht. In den anderen drei Jahrgangsstufen bleibt der Unterrichtsumfang unverändert.
Die CDU-Bildungspolitikerin Kristy Augustin verteidigt diesen Ansatz: „Damit passen wir uns an die Vorgaben der Kultusministerkonferenz an“, erklärt sie. In anderen Bundesländern hätten Grundschüler bereits heute eine Stunde mehr Unterricht. Eine weitere Ausweitung würde nach ihrer Einschätzung zwangsläufig zu Lasten anderer Fächer gehen.
Kritik aus Opposition und Gesellschaft
Die Opposition reagiert mit scharfer Kritik auf die Pläne. AfD-Bildungspolitiker Dennis Hohloch äußert sich enttäuscht: „Ich war schon geschockt, dass es nur um eine Stunde in vier Jahrgängen gehen soll. Das bringt doch nichts.“ Seine Partei fordert stattdessen eine Umschichtung von Englischunterricht in den ersten drei Jahrgängen zugunsten von Deutsch und Mathematik.
BSW-Abgeordneter Falk Peschel wirft der Koalition mangelnde Transparenz vor: „Wenn die Koalitionäre von Beginn an vorhatten, das kumuliert für die Klassen eins bis vier zu regeln, wäre es ein Gebot der Fairness gewesen, dies auch genau so in den Koalitionsvertrag zu schreiben.“ Aus seiner Sicht handle es sich um die erste aufgeflogene Mogelpackung der Koalition.
Juliana Meyer, Landesvorsitzende der nicht mehr im Parlament vertretenen Grünen, geht noch weiter: „Eine Deutschstunde mehr in vier Schuljahren bringt keine Verbesserung, sondern ist Schönrechnerei.“ Sie sei das Papier nicht wert, auf dem der Koalitionsvertrag geschrieben sei.
Zweifel auch aus den eigenen Reihen
Sogar aus der Koalition selbst kommen kritische Stimmen. Die parteilose Abgeordnete Melanie Matzies, ehemalige BSW-Politikerin, bezeichnet die Maßnahme als „den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein“. Sie vermutet, dass personelle Engpässe eine umfassendere Lösung verhindern.
Bildungsminister Hoffmann gab im Ausschuss bekannt, dass für die zusätzliche Stunde lediglich 40 neue Stellen benötigt werden. SPD-Bildungspolitikerin Katja Poschmann relativiert die Bedeutung der Maßnahme: „Wir müssen auch die Schreib- und Leseanlässe im Unterricht erhöhen“, betont sie. Die eine Stunde mehr Deutschunterricht sei nicht der Weisheit letzter Schluss.
Expertentipps für besseren Unterricht
Poschmann verwies auf ein Fachgespräch im Bildungsausschuss, bei dem Experten zu einer grundlegenden Reform des Deutschunterrichts rieten. Konkret schlugen sie vor:
- Abschaffung von Arbeitsheften mit Lückentexten
- Förderung des eigenständigen Satzbaus
- Erhöhung der Schreib- und Leseanlässe im Unterricht
Diese Maßnahmen würden nach Expertenmeinung zu einem deutlich besseren Schreib- und Leseverständnis führen als die geplante zusätzliche Unterrichtsstunde. Die Diskussion um die Qualität des Deutschunterrichts in Brandenburgs Grundschulen ist damit eröffnet und wird voraussichtlich weiter an Schärfe gewinnen.



