Akademisierungswahn: Braucht Deutschland mehr Handwerker statt exotischer Studiengänge?
Akademisierungswahn: Mehr Handwerker statt exotischer Studiengänge?

Akademisierungswahn: Braucht Deutschland mehr Handwerker statt exotischer Studiengänge?

Jahrelang galt in Deutschland die Devise: Hauptsache Abitur, Hauptsache Studium. Doch während die Zahl der Studiengänge auf über 22.000 explodiert ist und immer absurder werdende Fachrichtungen wie Promenadologie (Spaziergangswissenschaft) oder angewandte Sexualwissenschaft angeboten werden, schwächelt die Wirtschaft und künstliche Intelligenz verdrängt klassische Wissensjobs. Haben wir es mit der Akademisierung übertrieben?

Von Spaziergangswissenschaft bis Pferdestudien

An deutschen Hochschulen kann man mittlerweile fast alles studieren. Die Universität Kassel bietet Promenadologie an, wo im Fachbereich Architektur untersucht wird, wie wir Landschaft während des Spazierengehens wahrnehmen. In Pforzheim wird Schmuck nicht nur als Accessoire, sondern als kulturelles und räumliches Phänomen gelehrt. Die Hochschule Bremen hat "Freizeitwissenschaft" im Programm, die Universität Göttingen "Pferdewissenschaften" und die Hochschule Merseburg "angewandte Sexualwissenschaft".

Diese exotischen Studiengänge werfen eine grundlegende Frage auf: Was macht man später damit? Viele Studierende prokrastinieren diese Entscheidung über mehrere Semester hinweg. Die Bildungslandschaft wäre nicht schlechter dran, gäbe es weniger Auswahl - viele junge Menschen sind von der schieren Menge an Möglichkeiten überfordert.

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Arbeitslos trotz Hochschulabschluss

Der Trend am Arbeitsmarkt dreht sich gerade dramatisch. Immer mehr Menschen finden trotz Hochschulabschluss keinen Job. Mit 3,3 Prozent ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern so hoch wie nie zuvor. Für frische Uniabsolventen ist diese Situation besonders frustrierend: Sie schreiben Bewerbung um Bewerbung und erhalten Absagen.

Oft wird mangelnde Berufserfahrung als Grund genannt, doch selbst diese hilft nicht immer. Ein Diplom-Kaufmann aus Hamburg - aktuell wohl der bekannteste Arbeitslose Deutschlands - sucht vergeblich einen Job als Produkt- oder Marketingmanager. Nach 70 erfolglosen Bewerbungen ließ er große Plakate aufhängen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die 10.000 Euro teure Aktion brachte laut "Spiegel" bislang keinen Erfolg.

Jobflaute trifft auch vermeintlich sichere Branchen

Die Jobflaute erfasst inzwischen auch Berufsgruppen, die sich lange sicher fühlten: Ingenieure und Informatiker verschicken ebenfalls vergeblich Bewerbungen. Gründe sind die schwächelnde Wirtschaft und die Verdrängung von Einstiegsjobs durch künstliche Intelligenz.

Dies ist besonders paradox, denn woanders fehlen händeringend Arbeitskräfte. Das Handwerk sucht seit Jahren Nachwuchs, ebenso werden Kranken- und Altenpfleger, Bauarbeiter und Erzieher dringend benötigt. Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, manche Betriebe geben auf, weil sich kein Nachfolger findet.

Studium als gesellschaftliches Statussymbol

Dass es so weit kam, ist kein Zufall. Jahrzehntelang hat die Politik junge Menschen an die Universitäten gelockt. Steigende Studentenzahlen galten als Erfolgsindikator. 1950 begannen nur fünf Prozent eines Jahrgangs ein Studium, 1990 waren es schon 30 Prozent. Heute sind es rund 60 Prozent.

Jungen Menschen und ihren Eltern wurde eingetrichtert: Ein gutes Leben gibt es nur mit Abitur und Studium. Sozialer Aufstieg gelinge ausschließlich über Universitäten. Diese Denkweise hat sich tief in den Köpfen festgesetzt.

Nicht jeder ist für ein Studium geeignet

In den Hörsälen sitzen längst nicht mehr nur die besonders geeigneten Kandidaten. Viele studieren, weil man heutzutage eben studiert. Die Autorin und Jura-Professorin Zümrüt Gülbay-Peischard schreibt in ihrem Buch "Akadämlich": Ein akademischer Titel sage noch lange nichts darüber aus, wie viel jemand wirklich von der Welt verstehe.

Viele ihrer Studenten interessierten sich kaum für Nachrichten, Politik oder Wirtschaft. In Klausuren hapere es massiv an Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung, den Texten fehle oft die Struktur. Trotzdem hielten viele ihrer Problem-Studenten eisern am Berufswunsch Jura fest. Engagierte Studenten, die mehr machen als das absolute Minimum, seien kostbare Raritäten.

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Mehr Praxisnähe statt akademischer Abstraktion

Nicht jeder muss und sollte an die Universität, da hat Gülbay-Peischard vollkommen recht. Deutschland hat eine merkwürdige Hierarchie aufgebaut: Je weiter entfernt von der Praxis, je abstrakter die Tätigkeit, je weniger Menschenkontakt - desto höher das gesellschaftliche Ansehen.

Wir haben genug Theoretiker. Jetzt sind wieder mehr diejenigen gefragt, die gut im Machen sind. Die nicht nur mit dem Kopf etwas können, sondern auch mit den Händen. Das täte der Gesellschaft insgesamt gut. Ein wenig mehr Praxisnähe und ich bin überzeugt: Dann ginge in diesem Land endlich wieder mehr voran.