Die Depression hat mich überwältigt. Ich entschied mich, mich stationär einzuweisen. Heute lebe ich wieder. © FUNKE Foto Services | Reto Klar
Leben mit Depression: Mit 25 in der Psychiatrie
„An guten Tagen plagten mich Schuldgefühle“ – Wegen Depressionen muss unsere Autorin in der Klinik wieder leben lernen. Über Verzweiflung und Glücksmomente, die nah beieinander liegen.
Die Depression hat mich überwältigt. Ich entschied mich, mich stationär einzuweisen. Heute lebe ich wieder. © FUNKE Foto Services | Reto Klar
Von Alina Hammer | 06.06.2026, 10:00 Uhr
Mein überschwerer Koffer ist gepackt für einen Aufenthalt, dessen Dauer niemand kennt. Ich verkaufe mir diesen Tag als „Neuanfang“, um mir die Angst zu nehmen – kein anderer ist da, um es zu tun. Klappt mäßig, selbst meine Lunge zittert. Während ich auf die Ärztin warte, pöbelt und schreit ein Mann in den Gängen herum. Er ist hier, weil er sich Hilfe wünscht. So wie ich.
Vor ein paar Wochen hat mich meine Depression übermannt wie nie zuvor. Seit meinen Teenagerjahren kämpfe ich. Jetzt, mit Mitte 20, erlebe ich eine besonders schwere Episode. Mein Körper versagt: Ich kann nicht klar denken, kaum gehen, essen oder schlafen. Abwechselnd durchfahren mich stechende Schmerzen, dann bin ich betäubt, ohne jedes Zeitgefühl.
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Ich stehe vor dem Scherbenhaufen, der einmal mein Leben war. Mein Versuch, trotzdem normal arbeiten zu gehen, ist gescheitert. Mein Hausarzt hatte es kommen sehen, ich hatte ihn ignoriert. Dann dämmerte mir: Allein schaffe ich es nicht da raus. Beschämt ließ ich mich auf die Warteliste einer Klinik setzen. Was ich bei meiner Ankunft noch nicht weiß: Dort warten auch wertvolle Glücksmomente auf mich.
Der Weg in die Klinik
Die Entscheidung zur stationären Aufnahme fiel mir nicht leicht. Wochenlang kämpfte ich gegen die innere Stimme, die mir einflüsterte, dass ich es allein schaffen müsse. Doch die Symptome wurden übermächtig: Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, eine bleierne Müdigkeit, die mich lähmte. Jeder noch so kleine Schritt kostete unendliche Kraft. Als ich eines Morgens nicht mehr aus dem Bett kam, wusste ich, dass ich Hilfe brauchte.
Das Leben auf der Station
In der Klinik angekommen, erwartete mich eine Welt, die ich nur aus Filmen kannte: abgeschlossene Türen, feste Essenszeiten, Gruppentherapien. Die ersten Tage waren die schlimmsten. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper, beobachtet und verurteilt. Doch nach und nach lernte ich die anderen Patienten kennen. Jeder von ihnen trug seine eigene Geschichte mit sich herum. Gemeinsam weinten wir, lachten wir, schwiegen wir. In den Therapiesitzungen begann ich, mich zu öffnen. Ich sprach zum ersten Mal über die Dinge, die mich seit Jahren quälten: den Druck, immer funktionieren zu müssen, die Angst vor dem Versagen, die Einsamkeit in der Menge.
Glücksmomente im Alltag
Es waren die kleinen Dinge, die mich hoffen ließen: ein Lächeln der Pflegerin, ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel, das Gefühl, zum ersten Mal wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Ich begann, Tagebuch zu schreiben, malte Bilder und entdeckte die Kraft der Achtsamkeit. Nach und nach kehrte die Farbe in mein Leben zurück. Heute, nach Wochen in der Klinik, bin ich bereit, mich der Welt wieder zu stellen. Die Depression ist nicht verschwunden, aber ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Ich weiß jetzt, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen. Und dass Glück und Verzweiflung manchmal nur einen Schritt voneinander entfernt liegen.



