Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene werden in deutschen Suchtkliniken behandelt, weil sie von verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Tilidin, Oxycodon oder Benzodiazepinen abhängig sind. Das zeigt eine gemeinsame Recherche von SPIEGEL und Correctiv. Die Kliniken schlagen Alarm: Die Zahl der Patienten steigt, die Betroffenen werden jünger, und die Abhängigkeiten sind schwerer zu behandeln.
Ärzte beobachten besorgniserregenden Trend
Verena Riedner, stellvertretende leitende Oberärztin am kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München, behandelt auf einer spezialisierten Suchtstation junge Menschen, die früher oft nach Methamphetamin oder LSD kamen. Heute sind es vor allem starke Schmerz- und Beruhigungsmittel. „Die Jugendlichen wollen keine Nacht durchtanzen, sondern eine Welt wie in Watte gepackt“, beschreibt Riedner die Motivation ihrer Patienten. Sie suchen eine Dauerdämpfung vom Aufstehen bis zum Einschlafen.
Die Ärztin beobachtet zudem, dass ihre Patienten immer jünger werden. Diese Entwicklung deckt sich mit einer Studie des Instituts für Therapieforschung in München, die junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren als „wachsende Gruppe für den missbräuchlichen Konsum von Tilidin, Tramadol und Co.“ identifiziert. Der Konsum opioidhaltiger Schmerzmittel werde zunehmend als normal angesehen.
Leichte Verfügbarkeit über soziale Medien
Ein Grund für den Anstieg ist die leichte Verfügbarkeit der Pillen. Sie werden über Instagram, Telegram und TikTok angeboten, per Drogentaxi geliefert oder per Post verschickt. Die Preise sind niedrig, die Substanzen oft hochwirksam. Suchtmediziner warnen vor den Gefahren: Die Abhängigkeit entwickelt sich schnell, und die Entzugsbehandlung ist langwierig.
Kliniken am Limit: Lange Wartezeiten und fehlende Plätze
Die Befragung von über 70 Suchtkliniken in ganz Deutschland zeigt, dass fast alle Einrichtungen Patienten mit Benzodiazepin- oder Opioidabhängigkeit behandeln. Mehr als jede dritte Klinik gibt an, dass diese Substanzen zu einem Anstieg der Patientenzahlen in den letzten fünf Jahren geführt haben. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang: 40, 50 oder sogar 70 Personen warten auf ein Bett.
In Riedners Station in München warten derzeit 17 Jugendliche auf einen der elf stationären oder zwei tagesklinischen Plätze. Die Therapie dauert vier bis sechs Wochen, doch viele brechen ab: Von 172 Patienten im vergangenen Jahr wurden 34 wegen Regelverstößen entlassen, 41 brachen den Entzug ab. Besonders schwer zu therapieren ist die Abhängigkeit von Opioiden. Laut Suchthilfestatistik 2024 beendet nur die Hälfte der Patienten eine ambulante Therapie, wenn Opioide im Spiel sind.
Schließung der größten Jugend-Suchtklinik
Ein alarmierendes Beispiel ist die Dietrich Bonhoeffer Klinik in Ahlhorn bei Oldenburg, die zum 30. Juni 2026 schließt. Sie war Deutschlands größte Klinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche und verfügte über 60 Reha-Plätze. Der Träger, die diakonische Leinerstift-Gruppe, gibt an, dass die Deutsche Rentenversicherung keine höheren Tagessätze zahlen will. Bundesweit gibt es nur 450 Reha-Plätze für junge Abhängige.
Fachleute fordern mehr Investitionen in die Suchthilfe. „Einigen hilft nur Langzeittherapie“, sagt Riedner. Die jungen Patienten bräuchten ein Jahr Rehabilitation, um wirklich aus dem Alltag herauszukommen. „Aber dafür gibt es nicht genug Plätze.“ Das Hilfesystem sei bereits überfordert, bevor die Welle der Medikamentenabhängigkeit voll einschlage.
Gemeinsames Rechercheprojekt „Zwischen Rezept und Rausch“
SPIEGEL und Correctiv haben das Rechercheprojekt „Zwischen Rezept und Rausch“ gestartet, um ein Lagebild zum Drogenmissbrauch in Deutschland zu erstellen. Dazu wurde ein Fragebogen entwickelt, der sich an Betroffene, Angehörige und Fachleute richtet. Ziel ist es, die Dimension des Problems zu erfassen und Ansatzpunkte für Prävention und Therapie zu finden.



