Ebola-Entdecker nach Jahrzehnten mit Virchow-Preis geehrt
Ebola-Entdecker mit Virchow-Preis geehrt

Oft sind es nur kurze Meldungen, die kaum Beachtung finden: Zwei Forscher, deren Namen nur wenige kennen, erhalten einen Preis. In diesem Fall sind es Jean-Jacques Muyembé-Tamfun und Peter Piot, die mit dem mit 500.000 Euro dotierten Preis der Virchow-Stiftung ausgezeichnet werden. Doch hinter dieser Ehrung verbirgt sich eine Geschichte, die über Leben und Tod von Zehntausenden Menschen entschied. Eine Geschichte von mutigen Ärzten, die bereit waren, ihr eigenes Leben zu riskieren, und über viele Jahrzehnte hinweg Durchhaltevermögen bewiesen.

Der Beginn einer Epidemie

Die Ereignisse begannen am 26. August 1976. Ein 42-jähriger Mann betrat fiebrig und vor Schüttelfrost zitternd das Mission Hospital in Yambuku, einem Dorf im Norden Zaires, der heutigen Demokratischen Republik Kongo (DRC). Der Lehrer war zuvor wochenlang in der Gegend unterwegs gewesen und hatte unter anderem Antilopen- und geräuchertes Affenfleisch gegessen. Die Ärzte vermuteten zunächst das übliche Malaria-Fieber und behandelten ihn entsprechend. Doch statt einer Besserung traten Darmblutungen sowie starke Kopf- und Muskelschmerzen auf. Am 6. September starb der Patient. In den folgenden Tagen erkrankten Dutzende Menschen an der hämorrhagischen Krankheit, die mit Blutungen einherging. Die Ärzte waren ratlos, viele Patienten flohen aus der Klinik und den umliegenden Dörfern. Die Angst vor einer neuen, unbekannten Seuche breitete sich aus.

Der Einsatz von Jean-Jacques Muyembé-Tamfun

Am 23. September erreichte Jean-Jacques Muyembé-Tamfun, ein Mediziner und Virologe aus einer Bauernfamilie, die Klinik. Er war von der Gesundheitsbehörde in Kinshasa entsandt worden, um die Ursache der mysteriösen Krankheit zu finden, die bereits 22 Menschenleben gefordert hatte. Erst drei Jahre zuvor hatte er seine Doktorarbeit in Belgien abgeschlossen und war in sein Heimatland zurückgekehrt. Muyembé packte sofort an, ohne Handschuhe oder andere Schutzkleidung, denn in dem Provinzkrankenhaus fehlte es am Nötigsten. Als er einer erkrankten Nonne und Hebamme eine Spritze setzte, um Blut abzunehmen, schoss es ihm entgegen. Später sagte er, dass ihm in diesem Moment bewusst wurde, dass es sich um etwas Besonderes handeln musste – eine unbekannte Krankheit. Doch er wusste noch nicht, dass er es mit dem hochinfektiösen Ebolavirus zu tun hatte, das in bis zu 90 Prozent der Fälle tödlich verläuft, Blutgefäße zerstört und tödliche innere Blutungen auslöst. Auch ahnte er nicht, dass er entscheidend dazu beitragen würde, den Erreger zu entdecken und Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und einzudämmen.

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Die Rolle von Peter Piot

Muyembé sammelte Blut- und Gewebeproben und schickte sie in Speziallabors nach Belgien. In einem dieser Labors, am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen, arbeitete der Virologe Peter Piot. Einige der Röhrchen waren beim Transport zerbrochen, dennoch untersuchte Piot die Blutreste darin – ebenfalls ahnungslos, welcher Gefahr er sich aussetzte. Rasch bemerkte er, dass Zellkulturen, die er mit dem Blut der Erkrankten in Kontakt brachte, abstarben. Im Elektronenmikroskop erkannte Piot zwischen den sterbenden Zellen schlangenartig längliche Partikel, die dem Marburg-Virus ähnelten. Sofort informierte Piots Team die Weltgesundheitsorganisation und die US-amerikanische Seuchenbehörde CDC. In deren Hochsicherheitslaboren wurden die Viren weiter untersucht. Die Welt erfuhr, dass es sich bei Ebola, benannt nach einem Fluss nahe Yambuku, um einen der gefährlichsten Erreger der Menschheitsgeschichte handelte.

Gemeinsame Forschung und unterschiedliche Karrieren

Ohne Muyembés Mut vor Ort und Piots Laboranalysen wären vermutlich weit mehr Todesopfer zu beklagen gewesen. Weil der Erreger nun bekannt ist, können Ärzte ihn schneller diagnostizieren und Ausbrüche durch Quarantäne und Isolation eindämmen. Die Zusammenarbeit der beiden Forscher demonstriere die Notwendigkeit, kontextuelle, disziplinäre und geografische Grenzen zu überwinden, begründete das wissenschaftliche Komitee der Virchow-Foundation die Auszeichnung. Über Jahrzehnte hinweg hätten sowohl Muyembé als auch Piot – teils eng zusammen, teils unabhängig voneinander – daran gearbeitet, die Epidemieforschung auf vorbildliche Weise auf dem Fundament von Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit und geteilter Führung zu transformieren.

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Für den inzwischen 84-jährigen Muyembé ist die Ehrung eine späte Genugtuung. Denn den Ruhm der Ebola-Entdeckung heimste in den 80er und 90er Jahren zunächst der Europäer Piot ein. Dessen Forschungen an dem Virus wurden in großen Fachjournalen publiziert, er erhielt eine Professur an der University of Washington in Seattle. Später wurde er unter anderem UNAIDS-Direktor, Untergeneralsekretär der UNO, Direktor der renommierten London School of Hygiene and Tropical Medicine und sogar zum Baron geadelt. Muyembé hingegen engagierte sich in seinem Heimatland für eine bessere Gesundheitsversorgung und leitete die Eindämmungsmaßnahmen bei den immer wieder aufflammenden Ebola-Ausbrüchen. Vor allem die Information der Bevölkerung über Schutzmaßnahmen war ihm wichtig. Er ist ein Pionier der Seuchenkontrolle im Kongo, dessen Prinzipien auch bei der Bekämpfung des aktuellen Ausbruchs eine wichtige Rolle spielen.

Ein Medikament als Vermächtnis

Auf Muyembé geht eine bahnbrechende Therapie zurück: Patienten das Blut – genauer die Antikörper – von Ebola-Überlebenden zu verabreichen, um die Viren abzufangen. Dieses Medikament, bekannt als Ebanga, wurde zugelassen und ermöglicht Ärzten, Ebola-Zaire-Infektionen zu behandeln. Nicht alle, aber 70 Prozent der so Behandelten überleben. An einem Tag im August 1976 war dies noch eine unvorstellbare Zukunftsvision. Zwei Forscher haben sie wahr werden lassen.