25 Jahre nach seinem berühmten Coming-out hat Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit vor wachsender Intoleranz gegenüber Schwulen und Lesben gewarnt. Der heute 72-Jährige zeigte sich in einem Interview besorgt über gesellschaftliche Rückschritte, obwohl es rechtliche Fortschritte gebe.
Fortschritte und Rückschritte zugleich
„Es gibt Fortschritte, vor allem im rechtlichen Bereich. Gleichzeitig sehen wir aber auch gesellschaftliche Rückschritte“, sagte Wowereit. Er beobachte eine Zunahme von Intoleranz, Anfeindungen und Übergriffen – selbst in einer toleranten Stadt wie Berlin. „Da waren wir schon mal weiter. Die Intoleranzen sind nicht weg, sondern werden teilweise geschürt und verstärkt. Das ist eine Entwicklung, die man sehr ernst nehmen muss.“
Politische Instrumentalisierung von Ängsten
Wowereit kritisierte, dass Ängste in Teilen der Gesellschaft von bestimmten Parteien politisch instrumentalisiert würden. Zudem spielten kulturelle und religiöse Prägungen eine Rolle: „Wenn in bestimmten Religionen offen gegen Homosexualität gepredigt wird, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass junge Männer diese Haltung übernehmen.“ Die Gesellschaft müsse wachsam sein und solche Formen von Diskriminierung und Hass nicht zulassen.
Der legendäre Satz vom Juni 2001
Am 10. Juni 2001 wurde Wowereit auf einem Sonderparteitag der Berliner SPD mit einem spontanen Satz berühmt: „Damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen, ich sag’s euch auch und wer’s noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen.“
Wowereit erklärte, dass seine sexuelle Orientierung in Teilen der SPD, der Medien und der Schwulenszene bereits bekannt gewesen sei. Seine Berater hätten ihm jedoch davon abgeraten, das öffentlich zu thematisieren. „Das war damals noch eine andere Zeit, in der man eher sagte: Wenn schon, dann bitte nicht darüber sprechen.“ Als er jedoch hörte, dass gezielt nach negativen Geschichten gesucht werde, entschloss er sich zu dem Schritt. „Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. Es ist nichts Schlimmes – und es ist gut so. Dieser Satz kam spontan, er war nicht vorbereitet und stand auch nicht im Manuskript.“
Stolz auf die Wirkung
Von Juni 2001 bis Dezember 2014 war Wowereit Regierender Bürgermeister von Berlin. Rückblickend zeigt er sich stolz auf die Wirkung seiner Worte: „Es ist schon bemerkenswert, dass wenige Worte so eine Wirkung entfalten können. Innerhalb kürzester Zeit war ich in zahlreichen Talkshows, und es entstand eine breite gesellschaftliche Debatte. Dass er sich so eingeprägt hat und bis heute erinnert wird: sehr schön, bin ich stolz drauf.“



