Psychotherapeutin Maren Lammers betont, dass Gefühle wie Angst, Scham und Trauer nicht grundsätzlich vermieden werden sollten. Im Interview mit dem SPIEGEL erklärt sie, dass Emotionen als motivationales System dienen und uns zeigen, wie es um unsere Bedürfnisse steht. „Angenehme Emotionen sind das Signal, dass wir gut für unsere Bedürfnisse gesorgt haben“, sagt Lammers. „Schmerzhafte Emotionen machen uns darauf aufmerksam, dass die dahinterliegenden Bedürfnisse nicht oder nicht ausreichend befriedigt sind.“
Angst als Ratgeber: Wann sie hilft und wann sie schadet
Lammers widerspricht der These, Angst sei ein schlechter Ratgeber. „Das kommt auf die Situation an“, sagt sie. „Ist die Angst sehr stark, ist sie der einzige Ratgeber in diesem Moment – und ist die Angst angemessen? Steht der Mensch einem Raubtier gegenüber, dann ist Angst überlebenswichtig.“ Wenn die Angst hingegen sehr stark und nicht angemessen sei, nehme sie Lebenschancen. Als Beispiel nennt sie einen Kriegsreporter, der keine Angst spürte und nach jedem Einsatz für zwei Wochen im Krankenhaus landete. „Wir brauchen die Fähigkeit, unsere Angst wahrzunehmen“, so Lammers.
Emotionen als Wegweiser für Bedürfnisse
Lammers erklärt, dass Emotionen uns helfen, für unsere Bedürfnisse zu sorgen. „Wir haben Bedürfnisse nach Sicherheit, Bindung, Anerkennung – sie alle begleiten uns unser Leben lang“, sagt sie. Nach einer Trennung etwa sei das Bedürfnis nach Bindung nicht befriedigt, was Traurigkeit auslöse. „Nur wenn wir auch solch schmerzhafte Emotionen wahrnehmen können, sind wir motiviert, für uns zu sorgen.“ Sie rät, bei anhaltender Trauer selbstverantwortlich zu handeln: „Sich zu fragen: Was würde mir helfen?“
Umgang mit Wut und Ärger
Lammers betont, dass Ärger nicht unterdrückt werden sollte. „Wenn ich keinen Ärger spüren möchte, sollte ich überlegen, was ich tun kann, damit der Ärger abklingt“, sagt sie. Im Job sei ein Ausdruck wie „Ich merke, dass mich das ärgert“ angemessen. Bei lauterem Ärger, etwa wenn der Nachbar nachts Musik aufdreht, dürfe man auch lauter werden. Wichtig sei, sich den Ärger zuzugestehen und die passende Ausdrucksform zu wählen. „Manche Patienten können nicht mal böse gucken, weil sie nie die Erlaubnis bekommen haben, Ärger zu zeigen“, erklärt Lammers.
Emotionen bei Kindern: Von der Kita bis zur Pubertät
Lammers empfiehlt, Kindern früh den Umgang mit Emotionen beizubringen. „Es hilft, wenn jemand in der Kita sagt: ‚Du kannst deinen Ärger doch mal aufmalen – wie sieht er aus, welche Farbe hat er, welche Form?‘“, sagt sie. Eltern sollten ihre eigenen Emotionen nicht verstecken: „Wenn Mama oder Papa mal traurig ist, ist das eine wichtige Botschaft für das Kind: Man darf traurig sein, und so sieht das aus.“ Bei starken Elternkonflikten sollten Kinder jedoch nicht live dabei sein, da sie darunter leiden. „In kleine Container passt auch nur wenig hinein“, so Lammers.
Scham und Schuld als soziale Emotionen
Lammers bezeichnet Scham und Schuld als soziale und moralische Emotionen, die prosoziales Verhalten begünstigen. „Wenn jemand rot wird vor Scham, signalisiert er den anderen: ‚Unsere Werte sind mir bekannt und auch mir wichtig‘“, sagt sie. Schuld hingegen beziehe sich auf ein Verhalten und den Wunsch nach Wiedergutmachung. Studien zeigen, dass Frauen Scham- und Schuldgefühle häufiger erleben als Männer. Lammers führt das auf Erziehungsideale zurück: „Von Mädchen wurde Rücksichtnahme und Empathie gefordert, von Jungs vor allem Leistung.“ Sie geht davon aus, dass sich dieser Unterschied durch geschlechterneutrale Erziehung reduzieren wird.
Emotionsregulation im Erwachsenenalter
Lammers betont, dass man auch im Erwachsenenalter noch lernen kann, besser mit Emotionen umzugehen. „Alle Emotionen sind variabel und verändern sich im Laufe des Lebens“, sagt sie. Ältere Erwachsene erlebten mehr Zufriedenheit und Glück, weil sie schon vieles geschafft hätten. „Grundsätzlich gilt: Es ist nicht ganz so leicht, wie das Fahrradfahren mit drei Jahren zu lernen, aber man kann die Regulation auch später noch lernen – und das kann genauso effektiv sein.“



