Fast jede fünfte Lehrkraft in Deutschland fühlt sich im Unterricht gehemmt, weil sie befürchtet, gegen das vermeintliche Neutralitätsgebot zu verstoßen. Mehr als jeder vierte Pädagoge glaubt, die eigene politische Meinung im Klassenzimmer grundsätzlich nicht äußern zu dürfen. Das zeigt das neue Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch-Stiftung, das am Dienstag veröffentlicht wurde. Befragt wurden dafür mehr als 1500 Lehrerinnen und Lehrer; die Ergebnisse gelten laut den beauftragten Forschern als repräsentativ.
Kein Neutralitätsgebot, aber Dienstpflicht
Die Zahlen offenbaren ein grundsätzliches Problem: Parteipolitische Indoktrinierung ist im Klassenzimmer verboten, aber ein generelles Neutralitätsgebot für Lehrkräfte existiert nicht. Politische Äußerungen sind erlaubt, solange sie sich im Rahmen des Grundgesetzes bewegen. „Im Gegenteil, Lehrkräfte sind sogar dienstlich verpflichtet, sich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzusetzen“, sagt Katharina Thoren, Bildungsexpertin der Bosch-Stiftung. Dass ein Viertel der Lehrkräfte glaube, jede noch so abwegige Meinungsäußerung von Schülern unwidersprochen stehen lassen zu müssen, sei „erschreckend“.
Desinformation und Meldeportale als Ursachen
Die Verunsicherung hat laut Thoren mehrere Ursachen: die verschärfte gesellschaftliche Debatte und gezielte Desinformation. Vor allem aus dem rechten politischen Spektrum werde mit Meldeportalen für angeblich nicht neutrale Lehrkräfte oder mit Dienstaufsichtsbeschwerden Druck aufgebaut. „Das mögen vielleicht nicht viele Fälle sein, aber das sorgt schon für breite Verunsicherung“, so Thoren. Auch Uta Klusmann, Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und eine der Autorinnen des Schulbarometers, bestätigt: „Das ist schon ein substanzieller Anteil der Lehrkräfte, der verunsichert ist.“ Sie fordert, dass Bildungspolitik, Schulaufsicht und Schulleitungen reagieren müssten, ebenso wie die Hochschulen, wo der demokratiepädagogische Auftrag oft unzureichend vermittelt werde.
Demokratiebildung als zentrale Aufgabe
Trotz der Verunsicherung gibt es auch positive Signale: Viele Lehrkräfte sind sich einig, dass Demokratiebildung eine zentrale Aufgabe der Schule ist. 48 Prozent der befragten Lehrer gaben an, dass ihre Schule in diesem Bereich mehr tun solle. Hauptgründe für unzureichendes Engagement sind fehlende Zeit und fehlendes Fachwissen im Kollegium. Gleichzeitig äußerten 82 Prozent der Befragten die grundsätzliche Bereitschaft, sich für den Umgang mit schwierigen Situationen im Klassenzimmer weiterzubilden – etwa politische Debatten, zunehmende Disziplinlosigkeit oder fehlende Lernmotivation.
Fortbildungen und multiprofessionelle Teams gefordert
„Lehrkräfte leisten heute weit mehr als reinen Fachunterricht – und damit dürfen wir sie nicht allein lassen“, sagt Katharina Thoren. „Das große Interesse an Fortbildungen ist eine echte Chance, die wir nutzen sollten, um Lehrkräfte gezielt zu stärken.“ Allerdings reiche das allein nicht aus: Schulen bräuchten dringend multiprofessionelle Teams, „damit Lehrkräfte sich wieder voll auf das konzentrieren können, was ihre eigentliche Aufgabe ist: guten Unterricht.“



