Ein neues Mahnmal im Berliner Tiergarten sorgt für Diskussionen. Die Skulptur erinnert an die Zeugen Jehovas, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Doch die gewählte Symbolik der Standhaftigkeit ist umstritten, da dieser Begriff eine zentrale Rolle in der Glaubenslehre der Sekte spielt. In einem Gastbeitrag für den SPIEGEL äußert sich die Autorin Stefanie de Velasco kritisch.
Mahnmal im Tiergarten eingeweiht
Das Denkmal wurde am 24. Juni 2026 im Berliner Tiergarten enthüllt. Es soll an die Schicksale der Zeugen Jehovas erinnern, die während der NS-Zeit aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen verfolgt wurden. Schätzungen zufolge wurden etwa 10.000 Zeugen Jehovas inhaftiert, viele von ihnen in Konzentrationslagern ermordet. Die Skulptur zeigt eine abstrakte Darstellung von Standhaftigkeit – ein Begriff, der im Selbstverständnis der Zeugen Jehovas eine herausragende Bedeutung hat.
Kritik an der Symbolik
Stefanie de Velasco argumentiert in ihrem Gastbeitrag, dass die Wahl der Standhaftigkeit als Symbol problematisch sei. „Kein anderer Begriff ist so zentral für die Sekte wie Standhaftigkeit“, schreibt sie. Die Zeugen Jehovas würden diese Tugend nutzen, um ihre Mitglieder zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Organisation zu verpflichten. Kritiker werfen der Gemeinschaft vor, dass sie durch ihre fundamentalistische Auslegung des Christentums selbst zur Ausgrenzung und Unterdrückung beitrage. So würden ehemalige Mitglieder oft gemieden oder gar verstoßen.
Historischer Kontext und Opferrolle
Die Zeugen Jehovas wurden von den Nationalsozialisten als „Bibelforscher“ verfolgt, weil sie den Kriegsdienst verweigerten und keine Treueerklärungen auf den Führer ablegten. Viele von ihnen starben in Konzentrationslagern. Dennoch bleibt die Frage, ob die Opferrolle der Zeugen Jehovas ihre eigenen problematischen Praktiken überdecken darf. De Velasco betont, dass die Erinnerung an die Verfolgung wichtig sei, aber nicht unkritisch erfolgen dürfe. „Ein Mahnmal sollte nicht nur die Opfer ehren, sondern auch zur Reflexion über die Ideologie anregen, die sie verfolgte – und über die Ideologie derer, die heute Standhaftigkeit predigen.“
Reaktionen auf den Gastbeitrag
Der Beitrag von Stefanie de Velasco hat eine Debatte über den Umgang mit dem Gedenken an die Zeugen Jehovas ausgelöst. Während einige die kritische Perspektive begrüßen, sehen andere darin eine Verharmlosung des NS-Unrechts. Die Organisation der Zeugen Jehovas selbst hat sich bislang nicht zu dem Mahnmal geäußert. Das Denkmal im Tiergarten bleibt vorerst ein Ort der Kontroverse.



