Kai Viehof, der Enkel des Gründers der Handelskette Allkauf, hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Er verzichtete auf den Großteil seines Millionenerbes und spendet nun das meiste seines Vermögens für demokratische und soziale Zwecke. Der 44-jährige Mönchengladbacher ist Teil einer wachsenden Bewegung vermögender Menschen, die ihr Geld nicht vermehren, sondern verteilen wollen.
Der Bilderbuch-Millionär, der keiner sein will
Mit schmalen Schultern, schwarzem T-Shirt und Ohrringen entspricht Kai Viehof kaum den Klischees eines Millionärs. In der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ trat er zurückhaltend auf, ganz anders als ein vermögender Unternehmer aus Neuss. Sein Großvater hatte Allkauf in den 1960er-Jahren aufgebaut und 1998 für rund eine Milliarde Mark an die Metro AG verkauft. Doch Viehof lehnte seinen Anteil ab, als er an der Reihe war.
Mehr als die Hälfte der Vermögen sind geerbt
Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung werden mehr als die Hälfte der privaten Vermögen nicht erarbeitet, sondern vererbt oder geschenkt. Deutschland hat nach den USA und China die meisten Superreichen – Menschen mit über 100 Millionen Dollar Vermögen. Sie besitzen 27 Prozent des Finanzvermögens in Deutschland. Viehof ist einer von ihnen, aber er will nicht länger Teil dieses Systems sein.
Der Entschluss: Sieben Achtel spenden
Viehofs Vater schenkte ihm bereits in jungen Jahren einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Das eigentliche Erbe, einen bis zu dreistelligen Millionenbetrag, schlug der Sohn aus. Stattdessen floss das Geld in eine gemeinnützige Stiftung, mit der er nichts zu tun hat. Von dem bereits erhaltenen Betrag will er nur ein Achtel für sich und seine Familie behalten, den Rest spenden oder in Unternehmen investieren, die gesellschaftliche Rendite versprechen. „Das ist für mich keine Neiddebatte, sondern eine zentrale Debatte, der sich auch die stellen müssen, die im System gewonnen haben“, sagt er.
Schwerpunkt Demokratie
Viehof unterstützt Organisationen wie Hate Aid, die sich gegen Hass im Internet einsetzt, und Correctiv, das für seine Berichterstattung über die AfD bekannt ist. Auch an Brand New Bundestag und die Bürgerbewegung Finanzwende spendet er. Fünf Jahre lang will er Hate Aid mit einem sechsstelligen Betrag jährlich fördern. Sein Engagement erstreckt sich auch auf Frauenförderung: Der Verein „Fair Share of Women Leaders“ erhält ebenfalls eine sechsstellige Summe über fünf Jahre.
Spenden will gelernt sein
Viehof hat gelernt, dass Spenden eine Kunst ist. Er stückelt höhere Beträge über mehrere Jahre, damit Organisationen langfristig planen können. Er hat auch erlebt, dass Projekte weniger Wirkung entfalteten als erhofft, und musste schwierige Entscheidungen treffen, wenn er die Unterstützung einstellte. „Möglicherweise lässt man dann eine Organisation über die Klinge springen“, sagt er. Das mache ihm die Macht von Geld bewusst.
Impact-Investments statt Rendite
Neben Spenden investiert Viehof in Unternehmen, die gesellschaftlichen Nutzen bringen. So gab er dem Tampon-Start-up Vyld ein Darlehen von 750.000 Euro und half dem Porridge-Start-up Haferkater mit einer sechsstelligen Summe, ins Verantwortungseigentum zu wechseln. Wenn die Geschäfte gut laufen, bekommt er das Geld mit einer gedeckelten Verzinsung zurück. Dieses Risikokapital hat er gedanklich bereits abgeschrieben.
Grenzen des Einflusses
Viehof ist sich bewusst, dass auch sein Geld Grenzen hat. Knapp drei Achtel seien noch übrig, sagt er. Wenn alles weg ist, will er sich stärker auf seinen Aktivismus für Verteilungsgerechtigkeit konzentrieren. Felix Oldenburg, Chef des Stiftungs-Start-ups Bcause, lobt Viehofs Weg: „Man merkt ihm an, dass er sich sehr viele Gedanken macht. Da stecken Jahre von Auseinandersetzungen hinter.“
Ein neues Verständnis von Reichtum
Viehofs Verhältnis zu seinem Vater hat sich verbessert. Dieser denkt inzwischen ebenfalls über Verteilungsgerechtigkeit nach. Viehof hat erreicht, was er wollte: Sie sind keine Geschäftspartner geworden, sondern fast Verbündete. Er hofft, dass sein Beispiel andere Reiche inspiriert, über ihren Umgang mit Vermögen nachzudenken.



